1912 – 1926

Zum großen Wurstel –
MK in der Augustenstraße

Standort

Augustenstraße 89, eine Adresse wie jede andere, aber auch der Ursprung der Münchner Kammerspiele. Denn nicht immer hatten die Kammerspiele ihr Domizil in der Maximilianstraße, sondern fanden ihren Anfang in der Maxvorstadt. Ursprünglich als Universum bekannt, das ich mit seinen Variétévorstellungen nicht in die Gunst der Münchner spielen konnte, wurde am 16. November 1906 nach einigen Umbaumaßnahmen das Lustspielhaus geboren.

Mit einer Kapazität von 500 Personen eröffnete hier das achte Münchner Privattheater. Ein Spielhaus, das von seiner Struktur geradezu merkwürdig war. Durch behördliche Vorgaben eingeschränkt, war das Theater gezwungen nur Einakter zur Aufführung zu bringen und dies im Erdgeschoß, wo das Publikum an runden Tischen Platz nahm und man Bierausschank anbot. Nach einem durchwachsenen Eröffnungsabend, welcher die unterschiedlichsten Stimmungen bei den Zuschauern hervor rief, wechselte das Lustspielhaus zwei Mal ihren Direktor und entgingen nur knapp einem Bankrott unter der Direktion von Richard Manz.

Es waren turbulente vier Jahre für das Schwabinger Privattheater, bis es 1910 wegen baulichen Maßnahmen vorübergehend geschlossen wurde. Doch nicht nur eine bauliche Veränderung stand dem Haus bevor, es wurde auch an die Industrie-Werke München-Nord GmbH verkauft. Dies hatte zur Folge, dass nun ein Mann mit Rang und Namen die künstlerische Leitung übernahm. Der ehemalige Direktor des Berliner Hebbel-Theaters, Dr. Eugen Robert, wurde nun zum Direktor des Lustspielhauses.

Der Name des Hauses, Lustspielhaus, war ihm zu nichts sagend, zu plump. Daraufhin taufte er seine neue Bühne Zum großen Wurstel. Dies entnahm er aus einer einaktigen Burleske von Arthur Schnitzler, welche von Menschen und Puppen handelte, die als Spielstätte den Wiener Würstel-Prater hatten. Der neue Name war einfallsreich und provokativ, dennoch schenkte man ihm nicht viel Gefallen. Als Heinrich Mann seinen Einakter Variété zur Eröffnung der neuen Spielzeit des Zum großen Wurstel verbieten lassen wollte, weil nicht nur ihm die neue Benennung mit der als Untertitel hinzugefügten französischen Übersetzung „Grand Guignol“ missfiel, wurden bald alle Anzeigen wieder mit dem Namen Lustspielhaus versehen, obgleich als Untertitel Zum großen Wurstel beibehalten wurde.

Erst eine Spielzeit später, 1912, entschied sich Eugen Robert für einen neuen, aussagekräftigen Namen, der bis heute Bestand hat: Die Münchner Kammerspiele waren geboren. Er hat viele Bedeutungen, vereinigt alles wofür das Haus stand. Stil, Konzept und Spielplangestaltung. Ein kleiner Betrieb, der mit geringen Mitteln und wenig Personal naturalistische und kabarettistische Aufführungen inszenierte . Die erste Aufführung, die unter dem neuen Namen zu verbuchen war, war Leonid Andrejews Das Leben des Menschen.

Mit dieser Inszenierung erlangten die Kammerspiele neues Ansehen. Auch die darauffolgende Uraufführung von Wedenkinds Franziska am 30. November 1912 erregte Aufsehen, auch wenn es von den Münchner Zeitungen nicht nur Lob gab. Aber nicht lange sollte Eugen Roberts Erfolg anhalten. Als 1913 die Premiere von Der lächelnde Knabe scheiterte, wurde Robert von der Theatergesellschaft entlassen. Sein Nachfolger wurde Erich Ziegel, der zuvor in Das Märchen vom Wolf aufgetreten war. Ziegel gewann mit seiner ersten Komödie Kameraden die Gunst der Münchner Theatergänger.

Der Spielplan Ziegels war mit Premieren übersät, innerhalb von 9 Monaten gab es allein 29 Premieren. Mit dem während der Osterfestspiele 1914 aufgeführten Stück Die Kronbraut, bei dem Paul Erkens als Ausstattungschef die Direktion übernahm, feiert die Kammerspiele einen riesen Erfolg und begeisterten das Publikum, allen voran Otto Falckenberg, der unter ihnen saß. Die war eines der ausschlaggebenden Momente für Falckenberg, an den Kammerspielen arbeiten zu wollen. An Weihnachten 1914 entschied man sich das von Falckenberg einstmals aufgeführte Stück Deutsche Weihnachtsspiel neu zu inszenieren, wobei es zu der ersten Zusammenabreit von den Münchner Kammerspielen mit Otto Falckenberg kam.

Nach einiger Zeit und mehreren weiter gemeinsamen Projekten erklärte man ihn zum Chefdramaturgen und Oberspielleiter, woraufhin er 1915 mit der Welturaufführung von der Gespenstersonate von Strindberg Begeisterung hervor rief. Ab September 1917 begann die Ära Falckenberg als Direktor des Hauses. In den nächsten Jahren wuchsen die Kammerspiele zu dem angesehensten Haus im deutschen Raum und vermochten es immer wieder mit innovativen Bühnenbilder und Falckenbergs einzigartigem Inszenierungsstil zu begeistern. Nun siedelten sich Gastronomie-Betriebe, Studenten-Cafés und Kulturinstitutionen rund um das künstlerisch tonangebende Theater.

Neben Inszenierungen von Bertold Brecht, der hier das epische Theater ins Leben rief, machte sich auch Karl Valentin durch gelegentliche Auftritte einen Namen. Aber trotz seiner Blütezeit, ausverkauften Aufführungen und seinem guten Ruf, gab es ein finanzielles Problem aufgrund der deutschen Inflation von 1924-1923. Die ging nicht spurlos an den Theaterbetrieben vorbei. Es sah nicht gut aus für die kleine Bühne und auch wenn der Bankrott in den letzten Jahren immer wieder verhindert werden konnte, waren die Kammerspiele letztendlich gezwungen das Haus zu verkaufen.

Käufer war ein Vorgänger der Bavaria Film AG, die aus dem Haus ein Kino machen wollten. Adolf Kaufmann pachtete nun das Schauspielhaus in der Maximilianstraße, das dem Bankrott auch Nahe war und sorgte somit für Furore. Die Zeitungen wimmelten nur von Artikel, die die kommende Fusion zweier renommierter Theaterhäuser zum Titel hatten. Somit entstanden die uns heut noch bekannten Münchner Kammerspiele im Schauspielhaus. Seine letzte Aufführung in dem ehemaligen Lustspielhaus hatte die Kammerspiele am 31. August 1926 mit der Falckenberg Inszenierung von Paul Raynals Das Grabmal des unbekannten Soldaten.