2011 – 2012

Wicked Game – Sebastian
Nüblings „Three Kingdoms“

Inszenierung

Sebastian Nüblings Inszenierung Three Kingdoms

Das Schicksal eines langweiligen Herbsttages vor Semesterbeginn führte mich im Oktober 2011 ins Theater. Alleine. Mit einem dringenden Bedürfnis nach Überraschungen machte ich mich auf den Weg zur Maximilianstraße und ergatterte noch eine Restkarte an der Abendkasse für Three Kingdoms, eine Kooperation der Münchner Kammerspiele mit dem Theater NO99 in Tallinn und dem Lyric Hammersmith Theatre in London.

In schummriges Licht getaucht, erscheint eine weiß gekleidete männliche Engelsgestalt auf der Bühne: Trickster (Risto Kübar) haucht in einer atemberaubend abstrakten und freien Weise Chris Isaaks Moll-Pop-Song Wicked Game ins Mikrofon. Ein Song, der dem Sänger sowohl Kopf- als auch Bruststimme abverlangt. Die Melodie ruft mir automatisch das – einem Softporno gleichende – Musikvideo ins Gedächtnis. Viel, viel halbnackte Haut und Kuschel-Close-Ups mit dem Reizwäsche-Model Helena Christensen. Ein Video übrigens, das von MTV irgendwann einmal als 'Sexiest Video of All Times' gekürt wurde.

Dennoch – oder auch gerade wegen seiner Sinnlichkeit – beherbergt das Lied einen tiefen, emotionalen Kern in seiner Schlussaussage: „Nobody loves noone.“ Eine grundlegende Voraussetzung für Sklaverei. Für den im Stück thematisierten Sexhandel mit Frauen... das in Europa immer noch dicke Geschäft mit Menschen, die auf ihre Körper reduziert und durch ihre Körper degradiert werden. Nicht zu lieben. Das kann man sich nicht einfach vornehmen. Es hat etwas Nekrophiles, wenn sich Aleksander Richter (Lasse Myhr) an der Mordszene der Vera Petrova aufgeilt. Man lauscht nur der Gewalt – die Bilder muss sich der Zuschauer selber dazu denken.

Immer wieder wird die Bedeutungskonstitution selbst zum Thema der nach Spuren und Beweisen suchenden Protagonisten. Englisch, Deutsch, Estnisch. Übertitel helfen dem Zuschauer, das Geschehen simultan zu übersetzen und prägen sich dadurch mitunter deutlicher ein. Der Zuschauer hört nicht nur zu, während er der Handlung (oder: Nicht-Handlung) zusieht. Er liest mit. Wie ein Souffleur liest er abwechselnd Wörter und Bilder, lauscht Geräuschen und nimmt Farbstimmungen auf. Ekel folgt Sinnesrausch folgt Ekel folgt Fragezeichen. Zwischen all der Brutalität (mit großartigem inszenatorischen Feingefühl stets angedeutet, aber nie zur vollständigen Schau gebracht) schießt auch immer ein gesunder Funken Humor in die Luft.

Die Gesellschaft wird angeprangert, ohne den Theaterzuschauer zu beleidigen. Forderungen: Ein bisschen mehr Interesse. Ein bisschen mehr Neugierde und Zweifel. Fragen stellen. Um sich am Ende mit einem Gefühl eines nimmer-enden wollenden Katers mit einem Kaffee an einen Tisch zu setzen. Der Schluss muss nicht verstanden werden. Er nimmt sich selbst nicht so ernst. Denn der Teufel steckt in jedem von uns, ganz gleich, wie viele Verbrechen wir anderen Menschen anhängen wollen. Wir verbrechen selber genug. Wir spülen unsere Fäkalien den Abfluss hinunter und vergessen sie dann. Schmeißen den Müll in die Tonne und vergessen ihn. Haben alle unsere Leichen im Keller und lagern Weinflaschen auf ihnen. Bis eine zerbricht...

Sebastian Nüblings Inszenierung Three Kingdoms

Ich verlasse die Kammerspiele an diesem Abend mit einem Gefühl der Begeisterung. Hier wurde von allen Beteiligten ein Raum für Europäisches Theater erschaffen, in dem sowohl die Schauspieler als auch die Zuschauer ihren kulturellen Habitus hinterfragen und gemeinsam ihren Instinkten und Abgründen begegnen. Das Stück von Simon Stephens wurde im Jahresheft der Zeitschrift Theater heute zum Ausländischen Stück des Jahres 2011/12 gekrönt.

Weitere Informationen zum Stück und der Inszenierung: http://www.muenchner-kammerspiele.de/programm/three-kingdoms/