1912 – 2012

Wechseljahre –
Einer geht, ein anderer kommt

Intendanz

Ein Intendant prägt sein Theater. Elf verschiedene sind es in den 100 Jahren seit 1912 an den Kammerspielen gewesen. So unterschiedlich die Persönlichkeiten, so verschieden auch die Übergänge. Es folgt eine kleine Geschichte des Intendantenwechsels in zwei Kapiteln.

Kapitel 1: Ein Externer wird Intendant…

… auf Wunsch des Theaters

Dass die Kammerspiele selbst externe Kandidaten vorschlugen, geschah nahezu nie, da das Theater, seit 1939 städtischer Eigenbetrieb, sehr beschränkten Einfluss auf die Intendantenfrage hat. Es gibt nur zwei Ausnahmen aus der direkten Nachkriegszeit, als die Kammerspiele der Kontrolle der Militärregierung unterstanden: Der erste auf diese Weise Engagierte war Falckenbergs Nachfolger Erich Engel, der sich nach Kriegsende in München aufhielt und auf Anregung von Schauspieler Friedrich Domin gefragt wurde. Nach einem „Kennenlerntreffen“ mit einigen Mitgliedern der Kammerspiele wurde er offiziell der Militärregierung als neuer Intendant vorgestellt, die ihm darauf die entsprechende Lizenz erteilte. Zwei Jahre später wiederholte sich dieser Vorgang in ähnlicher Form, als Hans Schweikart von Engel nach München geholt wurde.

… durch Bestimmung der Politik
Eine Entscheidung der Intendantenfrage durch die Politik sorgte meistens für Unmut beim Personal und Aufruhr in der Presse. Beides konnte auch bei den in Kapitel 2 aufgeführten Fällen der Berufung eines Hausinternen vorkommen, doch drüber lesen Sie unten mehr. Die Wahl Hans Reinhard Müllers 1982 sollte den üblichen Verstimmungen vorbauen. Doch das vom damaligen Kulturreferenten Hohenemser entwickelte demokratische Verfahren, das aus Vorkommission, Vollversammlungen, drei Wahlkörpern, Kandidaten-Auslese, Hearings und finaler Vorschlagsliste mit drei Kandidaten bestand, aus der der Stadtrat den Intendanten bestimmen sollte, verfehlte dieses Ziel, da viele Kandidaten im Vorfeld ihre Kandidatur zurückzogen.

Gegen den schließlich gewählten Müller bildete sich eine mediale Propagandafront, die ihn als Manager-Intendanten darstellte und heftig die Unterrepräsentation des künstlerischen Personals bei der Wahl kritisierte. Einige Ensemblemitglieder kündigten demonstrativ ihre Verträge. Zusammenfassung in der Presse: Die Wahl, eine einzige Farce. Für einen ähnlichen Wirbel, jedoch aus anderen Gründen, sorgte 18 Jahre später, im Jahre 2001, die Nichtverlängerung von Dieter Dorns auslaufendem Vertrag. Dieser wollte aus Verbundenheit zu seinem Haus und seinem Ensemble die Kammerspiele durch die Unsicherheit der Umbauphase bis 2003 hindurch begleiten.

Doch Julian Nida-Rümelin, damaliger Kulturreferent, beabsichtigte nach 25 jähriger Kontinuität mit Frank Baumbauer den Kammerspielen neue künstlerische Impulse zu geben. Das Ergebnis war ein Medienspektakel mit offenen Briefen, Kommentaren namhafter Personen des öffentlichen Lebens, Stellungnahmen und Interviews. Als Baumbauer 2009 seinen Vertrag nicht verlängerte, wurde in stiller Wahl Johan Simons vom Kulturausschuss zum neuen Intendanten bestimmt. Anders als bei den obigen Fällen fand diese Wahl große Unterstützung in weiten Teilen der Belegschaft der Kammerspiele und der kulturellen Öffentlichkeit Münchens.

Kapitel 2: Die Übergabe an einen Internen, meist Oberspielleiter
In der Geschichte der Kammerspiele ist dies die häufigste Art des Übergangs. Mal im allseitigen Einvernehmen, mal mit Verstimmungen, aber doch meist von Kontinuität geprägt. Glücklicherweise stellt der erste Wechsel der Kammerspiel-Historie einen Sonderfall dar. Der erste Direktor der Kammerspiele. Eugen Robert, wurde im Jahre 1913 in dessen Abwesenheit seines Amtes enthoben, nachdem ihm die Favorisierung des Schauspielstars Ida Roland und Veruntreuung von Geldern vorgeworfen, jedoch nicht nachgewiesen worden waren.

Als Nachfolger konnte man schnell den gerade seit sechs Wochen am Haus spielenden Erich Ziegel präsentieren, der mit seiner ersten Inszenierung einen beachtlichen Erfolg erzielt hatte. Schon 1916 übergab Erich Ziegel, nachdem auch ihm Vorteilnahme im Amt vorgeworfen worden war, sein Amt an seinen Oberspielleiter Otto Falckenberg, der das Amt jedoch erst nach einer „Pufferspielzeit“, in der Herman Sinsheimer das Theater leitete, antrat, da er nicht mit dem Weggang Ziegels in Verbindung gebracht werden wollte.

Der einzige Übergang dieser Form, der für Unmut in der Presse sorgte, war die Berufung August Everdings im Jahr 1963, der Oberspielleiter unter Hans Schweikart und Liebling des Kulturreferenten, der Everding ohne öffentliche Diskussion mehrerer Kandidaten als Intendant bestätigte. Die Presse reagierte darauf mit heftiger Kritik und bemängelte die undemokratische Vorgehensweise. Die „Staffelübergabe“ von Hans Reinhard Müller an seinen sehr erfolgreichen Oberspielleiter Dieter Dorn 1983 stellt den wohl reibungslosesten Wechsel in der 100-jährigen Geschichte der Kammerspiele dar, die Zustimmung sowohl im Ensemble wie auch in der Öffentlichkeit fand.