2003 – 2008

Vom Skandal zum Kult –
Luk Percevals Othello

Inszenierung

Zunächst war die Inszenierung Auslöser für Protestbekundungen – Zuschauer verließen ihre Plätze reihenweise während der Aufführung, verliehen direkt nach der Premierenvorstellung ihrer Empörung deutlichen Ausdruck, manche kündigten auch ihr Abonnement – später Garant von 95 ausverkauften Vorstellungen. Von Beginn an ist die Auseinandersetzung mit Luk Percevals Othello also von Kontrasten geprägt. Ein Schwarz-Weiß-Muster bestimmt auch das Bühnenbild (Kathrin Brack) – ein schwarzer Konzertflügel aufgesetzt auf einen weißen, umgestülpten Flügel bildet das Zentrum, um das herum sich das Machtspiel um Ansehen und Liebe der Figuren zuträgt, und einzig Desdemona (Julia Jentsch) ist ganz in weiß gekleidet – doch, stellt sie deshalb die personifizierte Reinheit dar?

Die Inszenierung entlarvt nicht nur schwarz-weiße Denkmuster, über diese Farbkombination (von eigentlichen Nicht-Farben) wird auch die Undurchsichtigkeit mancher Figuren (wie z.B. Shakespeare’s Mohr Othello, der hier von einem weißen Schauspieler – Thomas Thieme – dargestellt wird) transportiert und die Verwischung von ehemals klaren Grenzen angedeutet. Die Figur der Jago (Wolfgang Pregler) wird hier zu einem solchen Grenzgänger, dessen Sprachniveau sich etwa flexibel dem jeweiligen Gegenüber anpasst – solcher Wandelbarkeit wird gerade in heutigen Machtpositionen immense Wichtigkeit zugeschrieben (ob in der Diplomatie oder dem Management).

Mit einer radikalen Textfassung (Shakespeares Schoko) und außergewöhnlicher Musik als starker emotionaler Informationskomponente (Klavier-Spieler) mag es als ein Wagnis beurteilt worden ein, solch eine Produktion an den Spielzeit- und Intendanzbeginn zu setzen, wie es Frank Baumbauer 2003 tat. Doch aus der Retrospektive betrachtet, lag er mit dieser Entscheidung genau richtig. Seine Entscheidung Othello in der Regie von Luk Perceval auch als Schlusspunkt seiner Zeit als Intendant an den Münchner Kammerspielen zu setzten, begründet er wie folgt:

„Es war Arbeit, die das Publikum und sein Theater leisteten. Wir haben uns, das Theater und seine Zuschauer, als Partner gemeinsam gefordert und weiter entwickelt, wir haben uns konsequent geprägt. Das Theater wurde zum öffentlichen Ort unserer Stadtgesellschaft. Mit Othello im Schauspielhaus fing vor einigen Jahren vieles an. Daher war es mein Wunsch, diese Vorstellung als meinen Schlusspunkt in München zu zeigen: eine Verbeugung vor unserem Publikum und ein Dank für diese höchst lebendige Partnerschaft.“
(Frank Baumbauer, Im Gespräch mit dem Publikum,
In: Die deutsche Bühne, November 2009, S. 32)

Und das Publikum? Als Skandal ist diese Produktion jedenfalls den wenigsten in Erinnerung geblieben. Mit kritischem Blick, klaren Eindrücken oder auch nur leisen Ahnungen bewerten auch einige Zuschauer die Entwicklung dieser Inszenierung im Rückblick als denkwürdig und bemerkenswert.

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