1996

Unser Herbert – Achternbuschs
„Meine Grabinschrift“

Inszenierung

Ein Höhepunkt der Zusammenarbeit zwischen Kammerspielen und Herbert Achternbusch findet mit der Uraufführung von Meine Grabinschrift, das er zwei ganz besonderen Schauspielern gewidmet hat: Rolf Boysen und Jens Harzer. Das Programmheft zum Stück schreibt eine kleine, ungewöhnliche Biographie über den Künstler: „Herbert Achternbusch: Autor, Maler, Filmemacher, Theaterregisseur, Schauspieler. Geboren am 23. November 1938 in München. Seine Mutter, so Achternbusch, „eine sportliche Schönheit vom Lande“, sein Vater – „ein Spaßvogel“.

„Die Volksschulzeit war die Indianerzeit.“ Dagegen das Gymnasium „mit seinem albernen Wissen ein Graus“. Noch auf der Nürnberger Kunstakademie fragte man mich, „ob er denn etwas verstünde?“ „Erarbeiten interessierte mich nicht, nur was aus mir kam. Man kann Kunst nicht machen. Es muß kommen. Und was kommt, ist zu respektieren. Wenn mich meine Großmutter buddhistisch erzogen hätte, wäre ich der gleiche Einfaltspinsel geworden.“ Einfaltspinsel? Kaum ein Autor hat solange und so intensiv mit einem Schauspielhaus in so vielfältiger Art und Weise zusammengearbeitet.

Herbert Achternbuschs Meine Grabinschrift

1985 inszenierte Herbert Achternbusch an den Münchner Kammerspielen sein erstes Stück Weg. Es folgen weitere Uraufführungen wie Linz (1987), wo Herbert Achternbusch auch selbst neben der Inszenierung die Bühnengestaltung übernahm, Auf verlorenem Posten, Der Stiefel und sein Socken, Der Frosch, Gust, Plattling, Letzter Gast, Mein Herbert, Dulce Est und Susn – das in der Spielzeit 2011/12 ja wieder auf dem Werkraum-Programm stand. Nicht zu vergessen sind seine zahlreichen Filme; Neue Freiheit. Keine Jobs. Schönes München. Stillstand produzierte er mit den Münchner Kammerspielen.

Man merkt es: Sein Schaffen ist nach dem Motto „Das Leben als Produktion: Der Mensch ist das, was er macht“ konzipiert. Es lebt von Spontaneität und Ideen, fängt an dem Punkt an, was Theater bewirken kann, vielleicht sogar soll: verunsichern, erschrecken, zornig machen. Eine Meinung hervorrufen.

Mal wieder hat er alle seine Fähigkeiten genutzt, nicht lange überlegt, sondern einfach geschrieben: An einem Wochenende schreibt er – wie er es nennt – ein herbes Sprechstück, keine Bewegung, nur Sätze, allerdings Satz um Satz gesprochen wie geschrieben. Die Handlung ist sehr einfach: Ein alter Mann diktiert seinem Schüler seine Grabinschrift. Und auch das Bühnenbild ist recht karg und einfach gehalten. Im Hintergrund sind Bilder vom Autor und Regisseur selbst installiert, aber die Hauptsache liegt in der Sprache, der außergewöhnlichen Idee, seinen Wortspiele, wie:

„Wenn ich Nil hieße und im Nil schwimme, dann schwimmt der Nil im Nil. Wenn ich aber Nil halte und im Nil treibe, dann bin ich ein totes Nilpferd.“ Ebenso wie seine Gedichte, so leicht dahin gesagt und doch so tiefsinnig: „Wenn es schneit wird es weiß Wenn es gefriert gibt es ein Eis Wenn du alt wirst kriegst grau Haar Und wenn es aus ist ist es gaar.“

Natürlich unterläuft einem bei der Schnelligkeit manchmal ein kleiner Fehler: Rolf Boysen ist es zu verdanken, dass Meine Grabinschrift das Wort „Fischsuppe“ enthält. Denn, so Jens Harzer: „Achternbusch hatte in seinem ersten Manuskript statt des Wortes Fischschuppe „Fischsuppe“ getippt. Obwohl dies so gut wie keinen Sinn ergab, nahm Boysen die Fischsuppe so ernst, dass er bis zur letzten Vorstellung dabei blieb.“ Das ist die eine Seite von der Grabinschrift, die andere, nämlich Jens Harzer, beschreibt Peter Michalzik:

„Damals sprach er kein Wort, oder doch fast keines, er musste als junger Schreiber Seth nur notieren, was der greise Schreiber Amenothep, der kurz vor dem Tod stand, ihm aus seinem Leben erzählte. Wie er da zuhörte, bewegt von den Worten und doch, da nicht pflicht- und formvergessen, ungerührt. Weil er zuhörte, mussten auch wir zuhören, weil er so ruhig und aufmerksam und gespannt war, waren wir so entspannt und aufnahmebereit. Voll Schmerz und Hingabe hörte er auf die Worte seines geliebten, sterbenden Lehrers. Wieder war es eine Vater-Sohn-Geschichte. Herbert Achternbusch hatte einen schönen, manchmal sogar weisen Text geschrieben, Rolf Boysen war der alte Schreiber, mit dem er nicht nur zu verwachsen, sondern mit dem zusammen er in eine neue schwebende Sphäre greishafter Einsicht zu gelangen schien.“

Und in dieser wunderbaren Konstellation entsteht dann eben auch eine wunderbare Uraufführung.