1931 – 2012

Theaterfußball – der
Fußballklub der Kammerspiele 1931

Anekdote

Dantestadion München

Wolfgang Petzets 1973 erschienenes Epochalwerk Theater. Die Münchner Kammerspiele 1911- 1972 hält durchaus Überraschungen parat: So gab es ihm zufolge 1931 zwischen dem Fußballklub der Münchner Kammerspiele und der „Schutzmannschaft“ ein Duell, das in einem „Sportbericht“ des damaligen Münchner Feuilleton-Korrespondenten der Frankfurter Zeitung festgehalten wurde. Der Auszug, welcher ebenfalls in Petzets Buch nachgelesen werden kann, soll hier ein Bild von den damaligen Sportaktivitäten der Mitarbeiter der Kammerspiele geben.

Kurz bevor sich die politische Situation zuspitzt, spielt hier eine Polizeimannschaft gegen die Fußballmannschaft der Kammerspiele auf einem „glitschigen“ Boden bei Regen im Dantestadion, nähe Westfriedhof, welch eine schöne 'Vorstellung', im wahrsten Sinne des Wortes: „Die Kammerspiele, oftmals mit der Polizei über Spielplan und Spielweise nicht ganz einig, haben die Münchner Schutzmannschaft geschlagen. Der erste Vorstoß, der sein Ziel erreichte, kam von den Blauen, die stämmig und mit Wucht gegen die Halb-Roten vorgingen und ihnen eine empfindliche Einbuße zufügten.

Dann aber entfalteten diese ungewöhnlichen Elan und Beweglichkeit: insbesondere im Ensemblespiel waren sie der etwas schwerfällig arbeitenden Polizei entschieden überlegen; der Kontakt, der sich von den Protagonisten der Mitte nach rückwärts und allen Seiten erstreckte, konnte durch den Gegner fast niemals zerrissen werden: mit Grazie und Behendigkeit gab einer dem andern die Entscheidung weiter, ohne daß es die Blauen – trotz ihrer kraftvollen Gegenstöße – auf die Dauer zu hindern vermochten.

Zu seiner höchsten Virtuosität jedoch entfaltete sich das Kammerspiel in jenen Pausen, die – auf dem Höhepunkt der vorwärts stürmenden Handlung und ungeachtet aller 'Tempo'-Rufe eines aufs äußerste gespannten Publikums – mit kunstvoller Bedachtsamkeit gehalten wurden und die sich dann in einem Schuß von so unwiderstehlicher Leidenschaft entluden, daß der Torwart des Gesetzes gegen ihn machtlos war. Unter Führung von Direktor Julius Gellner mit Hilfe des Chefdramaturgen Heinrich Fischer, des zweiten künstlerischen Beirates David Schneuer und des Theaterfriseurs Wiedemann wurde so in einer trüben, regnerischen und sehr gedrückten Atmosphäre und auf einem demzufolge recht glitschigen Boden ein Sieg errungen, den der Gegner nicht bloß gezwungenermaßen hinnahm, sondern mit kameradschaftlichem Händedruck gerne anerkannte.

[…] Schade war nur, daß der erste Charakterspieler des Theaters, Kurt Horwitz, der jugendliche Held und Liebhaber Wolfgang Liebeneiner und Otthein Haas, der jugendliche Charakterspieler, die sonst niemals in der Truppe fehlen, bei dieser denkwürdigen Entscheidung nicht mitwirkten; aber sie mußten in der Sonntagnachmittagsvorstellung spielen. Der Sieg wurde nämlich nicht nur auf der Bühne gegen die Zensur erfochten, sondern mit dem Fußball im Dantestadion: Mannschaft der Kammerspiele gegen Schutzmannschaft – zu Gunsten der Säuglingsfürsorge – 3:1.“
(Petzet, Theater. Die Münchner Kammerspiele 1911 – 1972. S.199f.)

Interessanterweise kann sich der damalige Reporter etwaige Parallelen zwischen Fußballspiel und Kammerspiel nicht verkneifen: Unter anderem kam es bereits 1929 zu einem Polizeiverbot der Inszenierung zu Ferdinand Bruckners Die Verbrecher, bei der Richard Révy Regie führte und unter anderem Therese Giehse und Gina Falckenberg mitspielten. Später stand der Spielplan gänzlich unter der Obhut des Propagandaministeriums in Berlin. Die Tatsache, dass die Kammerspiele eine Fußballmannschaft hatten, ist jedoch – entgegen allen Spekulationen – gar nicht verwunderlich: Noch heute gibt es Theaterfußball.

Neben dem interdisziplinären Moment, der zwischen der künstlerischen und der technischen Abteilung auf diese Weise entstehen kann, gibt es sogar nationale und internationale Turniere: Wer meint, dass Schauspieler, Dramaturgen und Tontechniker nur 'ein bisschen auf dem Rasen kicken', der täuscht sich: Die deutsche Theaterfußballmeisterschaft fand 2012 in Hamburg statt und ihr Sieger ist das Team Theater & Philharmonie Essen. Die diesjährige Europameisterschaft des Theaterfußballs fand in Basel statt, dem Sieger des Turniers von 2011 (www.theatercup.eu):

Neben vorwiegend österreichischen Mannschaften ist aus München der Fußballklub des Münchner Volkstheaters zu verorten. Das Residenztheater in München verfügt ebenfalls über eine Mannschaft, die 2011 in Graz bei der EM mitgewirkt hat: (schauspielhaus-graz.com/schauspielhaus/stuecke ). Die Münchner Kammerspiele hingegen haben sich in der Vergangenheit eher auf – sehr erfolgreiche und beliebte – Fußball-Liederabende mit Franz Wittenbrink beschränkt. Aber wer weiß – vielleicht packt sie ja irgendwann wieder das Fußballfieber?!

Gerade in München, der Fußballhauptstadt Deutschlands, der ebenfalls immer noch eine „hohe Polizeipräsenz“ nachgesagt wird, wäre eine Revenge für 1931 äußerst amüsant! Andererseits ist Fußball kein Zuckerschlecken und verletzte Schauspieler sind der Albtraum eines jeden Regisseurs (und Schauspielers!).