1957

Rolf Boysen –
Eine Schauspielerkarriere

Portrait

Rolf Boysen in Meine Grabinschrift

Die Eingangsfrage, vor allem anderen war: „Wer bist du, Figur?“ Und es scheint so, als hätte die Figur jedes Mal geant­wortet und wäre eins geworden mit diesem Schauspieler, ganz egal aus welcher Feder sie stammte oder aus welcher Zeit, von welchem Ort.

Egal, ob es sich um Schiller (Präsident von Walter in Kabale Liebe), Lessing (Nathan in Nathan der Weise), Tschechow (Serebrjakow in Onkel Wanja) oder Shakespeare handelt, er glänzt immer. Kein Wunder also, dass er mit mehreren Theaterpreisen wie dem 'Gertrud Eysoldt-Ring' (1992), dem 'Kortnerpreis' und dem 'Bayerischen Theaterpreis' ausgezeichnet wurde.

Herbert Achternbusch hat sogar extra ein Stück für ihn geschrieben. Für ihn und Jens Harzer. Es ist nicht das erste Mal, dass er für Achternbusch spielt. Er hat schon in Der Stiefel und sein Socken die Rolle von Fanny und dem Römer dargeboten. Und es ist nicht das erste Mal, dass er seine Mitspieler erstaunt und fasziniert.

Boysen, Seth, ein alter Schreiber, der Lehrer, der einen Monolog hält, Harzer der Schüler, der alles notiert. Das gilt nicht nur für dieses Stück, sondern genauso für die Beziehung der beiden zueinander. Man kann die beiden auch in ihrer Schauspieler-Situation so sehen: Der eine noch jung und unerfahren, der andere voller Weisheit und Erfahrung. Sein Kollege Jens Harzer schreibt liebevoll über ihn: „Meine kleine Beobachtung von Rolf Boysens Kunst ist gespeist von einem einzigen Augenblick. Von einer Lebensmetapher, die ich in mir trage, wie fast nichts sonst. Ich meine den ersten Auftritt des König Lears.

Lear erscheint, geht langsam nach vorne, durchmisst den Raum, bleibt an der Bühnenrampe stehen, blickt in die Augen der Zuschauer und: hört auf. Hört auf Theater zu spielen, hört auf zu leben, hört auf zu atmen, ist einfach nur Blick. Lear/Boysen beginnt mit dem Ende. In diesen Sekunden ist alles enthalten: Ein reiner Ausdruck, der alles umfasst: das Leben. Den Tod, Gott, die Zeit, Shakespeare, die Liebe, die Geburt… (…) Man wird bemerken, dass diese Existenz, ob Lear oder Boysen am Anfang schon Auskunft über sich und das Ende gab, dass Anfang und Ende in eins fielen. Ohne Worte. Eine Lebens-Metapher. (…) Es ist der unbedingte Glaube an die Dichtung, an die Poesie, an die Macht des Unbekannten.“ (in: Die Münchner Kammerspiele, hrsg. von Sabine Dultz)

Nicht nur auf der Bühne hat er begeistert, sondern auch alle seine Kollegen mit seinen einfachen und doch so wahren Aussagen wie: „Wir müssen erkennen, dass wir hier ein poetisches Ensemble sind. Nichts anderes“.

Der am 31.3.1920 in Flensburg geborene Schauspieler begann zunächst eine kaufmännische Ausbildung. Während des Kriegsdienstes sammelte er erste Erfahrung en auf der Bühne und beschloss dann, in Hamburg ein Schauspielstudio zu besuchen. Sein erstes Engagement erhielt er an den Städtischen Bühnen Dortmund, und es dauerte immerhin gut zehn Jahre, bis er 1957 erstmals an die Kammerspiele kam. Unter anderem hat er auch mit Fritz Kortner und Dieter Dorn zusammengearbeitet und seine Aufgabe immer zu vollster Zufriedenheit erfüllt, sowohl aus Sicht der Künstler als auch aus der Sicht der Rezipienten. Den Schlüssel zum Erfolg muss man wohl in den drei entscheidenden Worten sehen, die ihn stets begleitet haben: „Bedingungen des Ausdrucks: Entspanntheit, Klarheit, Persönlichkeit.“