1991 – 1996

Roland Topor –
Fortgeschrittener Gagaismus

Erscheinung

  • Roland Topor: Molière – Don Juan oder der steinerne Gast, März 1991

  • Roland Topor: Bernard-Marie Koltès – Kampf des Negers und der Hunde, Februar 1992

  • Roland Topor: Coline Serreau – Hase Hase, Dezember 1992

  • Roland Topor: Arthur Kopit – Road to Nirvana, Dezember 1992

  • Roland Topor: Christopher Marlowe – Edward II, Mai 1993

  • Roland Topor: Tschurangrati von und mit Gisela Schneeberger, Biermösl Blosn u.a., Mai1993

  • Roland Topor: Beth Henley – Debütantinnenball, September 1993

  • Roland Topor: Thomas Bernhard – Am Ziel, Oktober 1993

  • Roland Topor: Maria Irene Fornes – Schlamm, November 1993

  • Roland Topor: Herbert Achternbusch – Der Stiefel und sein Socken, Dezember1993

  • Roland Topor: Bernard-Marie Koltès – Quai West, Februar 1994

  • Roland Topor: Simone Schneider – Die Nationalgaleristen, Oktober 1994

  • Roland Topor: Edward Albee – Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, Juli 1995

  • Roland Topor: Heinrich von Kleist – Prinz Friedrich von Homburg, Oktober 1995

  • Roland Topor: Hebert Achternbusch – Letzter Gast, Januar 1996

Ekel mit Augenzwinkern. Die Theaterplakate Roland Topors.

„Das Allerschlimmste ist für mich die Vorstellung, daß der Verdauungsprozeß umgekehrt wäre.“

Das ist manchen Bildern von Roland Topor durchaus anzusehen. Da wachsen Pflanzen oder Gesichter aus dem Allerwertesten oder werden hineingesteckt, Figuren übergeben sich, würgen menschliche Gliedmaßen aus, Gedärme platzen durch die Bauchdecke, Fäkalien rücken in den Fokus. Ekel und Abscheu sind ein zentrales Motiv in seinen Zeichnungen und Drucken, doch immer auch gebrochen durch einen satirisch-humorvollen Blick und eine karikierende Darstellung.

Monster aus Mensch und Tier, fragmentierte Körper und mythologisch anmutende Figuren versetzen den Betrachter in eine grotesk-surreale Szenerie, die durch die oftmals hellen, bunten Farben, wenig Tiefenschärfe und die buntstiftartige Malweise gleichzeitig unschuldig- kindlich wirkt. Roland Topor, ein französischer Künstler und Illustrator mit polnisch-jüdischen Wurzeln, gestaltete Anfang der 1990er Jahre unter Intendant Dieter Dorn die Plakate der Münchner Kammerspiele.

Am 7. Januar 1938 geboren, wuchs Topor während des zweiten Weltkrieges in Paris auf, studierte an der École Nationale des Beaux-Arts und veröffentlichte 1958 erste Zeichnungen und Novellen. Er war in vielen Bereichen kreativ, sei es als Maler oder Schriftsteller, Zeitschriftenredakteur, Bühnenbildner, Illustrator oder Regisseur. Ab den 60er Jahren stellte er seine Werke auch international aus – bis zu seinem Tod zeigten Galerien und Museen in New York, Berlin, Paris, Tokyo und zahlreichen weiteren Städten seine Arbeiten.

Zudem verfasste er auch Drehbücher, illustrierte Kinderbücher, für Fellinis Casanova steuerte er Zeichnungen bei, Schlöndorffs Blechtrommel und Herzogs Nosferatu stattete er mit Plakaten aus. 1985 gastierte er in München als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner im Werkraum der Kammerspiele mit der scherzhaft-grellen Inszenierung Leonardo hat's gewußt, was den Grundstein für die spätere Zusammenarbeit legte.

Nicht permanentes Negieren und Verkehren der Wirklichkeit ist Topors Anspruch, jedoch sieht er in der Phantasie die Möglichkeit, Bedeutungen zu verkehren und die Realität abzuschwächen. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich mit seinen ganz eigenen Problemen und Fragen und sucht Lösungsansätze; er verfolgt nicht den Anspruch, überzeitliche Meisterwerke zu schaffen: „In den Details kann man etwas entdecken und finden, aber unentwegt über die Existenz Gottes oder des Todes zu reden ist langweilig und es hilft auch nicht viel.“

Also bildet Topor das Weltliche, das Menschliche ab. Seine Bilder sind erotisch und masochistisch, sie erproben das äußert Mögliche, kehren die Schwerkraft um, zeigen die Normalität des Anormalen – Rettung erfährt diese aufrüttelnde und erschreckende Welt durch die Freude am Witz und an der Komik. Was zunächst wie aus einem Alptraum entsprungen erscheint, lockt auf den zweiten Blick ein Grinsen oder gar ein herzhaftes Lachen hervor und erleichtert so den Betrachter im Anblick des Grauens.

Wie im Märchen vereinen die Bilder Liebreiz und Grausamkeit. Topor lässt den Karneval aufleben, der Tod und Eros, Spiel und Macht, Schrecken und Witz vereinen kann, der in der unserer Zeit kaum mehr gestattet ist, der uns heutzutage wohl als riesenhaftes Ekelpaket erscheinen würde. Diesem Ekel gibt Topor Raum in seinen Werken und schafft so eine Ästhetik des Grausamen, der Perversion und des Absurden – immer jedoch mit einem Augenzwinkern. Auf die Frage nach seiner gegenwärtigen Geistesverfassung antwortete der Künstler: „Fortgeschrittener Gagaismus.“

Während der Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen von 1991 bis 1996 ließ man Roland Topor weitgehend künstlerische Freiheit. Konzeptionelle Gespräche fanden nicht statt, der Künstler sollte sich – wie auch die Plakatgestalter vor ihm – eigenständig mit dem Stück auseinandersetzen und seinen Assoziationen freien Lauf lassen, um als Nichtbeteiligter am Inszenierungsprozess einen unabhängigen Blick auf das jeweilige Stück einzunehmen. Die Auffassung am Haus war, dass das Plakat dem Stück dienen, jedoch keine Illustration, sondern eine eigene Bildschöpfung sein sollte.

Topors plötzlicher Tod am 16. April 1997 setzte der Zusammenarbeit ein jähes Ende.