2002 – 2012

Paul Herwig –
Wurzelkind

Interview

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Die Schauspieler Walter Hess, Paul Herwig und Anette Paulmann über ihr langjähriges Engagement im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Eine Interview-Reihe von Sarah Clemens.

Paul Herwig, fotografiert von Pete Bartlett

Paul Herwig war von 2001 bis 2007 festes Ensemblemitglied und ist bis heute immer wieder zu Gast an den Münchner Kammerspielen. Er lebt seit mittlerweile 5 Jahren im idyllischen Londoner Stadtteil Notting Hill. Seinen wohl größten Erfolg an den Kammerspielen feierte er mit der Luk Perceval Inszenierung Kleiner Mann, was nun?. Für die Darstellung des 'Pinneberg' erhielt er 2010 sowohl die Auszeichnung 'Schauspieler des Jahres' der Theaterzeitschrift Theater heute als auch den Deutschen Theaterpreis 'Faust'. Ich treffe ihn nicht persönlich, habe aber dank Johanna Latz die Gelegenheit bekommen, ihn anzurufen...




Du bist eine ziemlich lange Zeit an den Kammerspielen gewesen... Kann man da von einer Art 'zweitem Zuhause' sprechen?
Ich würde sagen, dass ich das Gefühl hatte, ich habe ein 'künstlerisches Zuhause' gefunden. Und ich denke, es hat auf der einen Seite natürlich etwas mit diesem sehr kompakten Theaterraum zu tun und mit allen umgebenden Werkstätten, dass man tatsächlich das Gefühl hat, Teil eines großen Hauses zu sein. Andererseits hatte es auch mit der speziellen Situation zu tun gehabt, dass das Ensemble und die Intendanz, in die ich da sozusagen 'hinein geboren' wurde, etwas sehr inniges hatte – Ich kam von einem Haus wo es viel zynischer war.

Kannst Du Dich an den ersten Tag erinnern?
Ich war ja davor am Residenztheater... und das war ein komischer Wechsel vom Residenztheater zu den Kammerspielen. Normalerweise geht man als Schauspieler in eine andere Stadt, wenn man das Theater wechselt. Und ich erinnere mich – ich habe damals in Haidhausen gelebt – wie ich mit dem Fahrrad die Maximilianstraße runter fuhr und, wie ich normalerweise immer geradeaus bis zum Ende der Straße gefahren war, aber plötzlich einfach links in die Falckenbergstraße abgebogen bin, in dieses andere Theater, zu dem ich immer aufgeschaut habe. Ich war sehr glücklich, fortan links abbiegen zu dürfen.

Gab es in den ganzen Jahren an den Kammerspielen einen persönlichen Höhepunkt? Eine Begegnung, eine Rolle, ein Gefühl?
Spontan würde ich die ganze Zeit, in der ich dort war als einzigen Höhepunkt nennen: Sie hat meinen Glauben ans Theater gefestigt, und gezeigt, dass Ensembletheater toll ist und möglich ist. Das ist als Gesamterlebnis ein Höhepunkt in meinem Leben gewesen. So etwas findet man nicht alle Jahre lang... Abgesehen davon gab es das Kapuli-Kaupunki Broken Heart Orchestra, eine Band, die wir im Ensemble gegründet hatten. Da wurde sich zweimal in der Woche getroffen, um Musik zu machen und dreimal im Jahr gab es eine Aufführung, am Ende vor ausverkauftem Publikum.

Diese Band war für mich auch ein herzstückartiges Ereignis. Alle haben mitgemacht: die Kostümbildner, Schneider, Maler, Techniker – Teamgeist eben auch bei Eigeninitiativen. Ansonsten gab es eigentlich so drei zentrale Begegnungen mit Regisseuren. Das war zum einen die Begegnung mit Johann Simons, (bei Prinz von Homburg) die mir sehr viel bedeutet hat. Der zweite Höhepunkt war für mich sicherlich Kleiner Mann, was nun? und die Begegnung mit Luk Perceval... Dann noch die Zusammenarbeit mit Roger Vontobel, den Baumbauer direkt nach der Regieschule geholt hat: Seitdem verbindet uns eine enge Partnerschaft und alle zwei Jahre machen wir ein Stück zusammen, ob in München, Berlin oder Bochum.

Gab es einen persönlichen Lieblingsort im gesamten 'Kammerspiel-Campus'?
...(überlegt) Eigentlich war mein Lieblingsort der Blick von der Bühne in den Zuschauerraum. Das hat mich an das Kinderbuch Wir Wurzelkinder erinnert: Das ist total süß, es gibt da so kleine Wesen mit roten Zipfelmützen, die unter den Bäumen leben. Wenn du auf der Bühne des Schauspielhauses ins Publikum schaust, dann achte mal auf die kleinen Runden Ecken im Zuschauerraum und die Jugendstilornamente, die da 'reinlaufen' wie Wurzeln – da hat man das Gefühl, man ist so ein kleines Wesen aus dem Buch und lebt an einem Ort unter der Erde. Das hat etwas wahnsinnig beschützendes und heimeliges.

Wie nimmt man als Schauspieler das Münchner Publikum wahr, auch in so einer längeren Zeitspanne, hat man da Umschwünge bemerkt?
Natürlich habe ich gemerkt, dass das Münchner Publikum anfangs irritiert war und auch einfach ausblieb, als Baumbauer kam. Dann, plötzlich waren sie wieder da! Und zwar mit einer totalen Liebe, sie haben das Theater umarmt, das wir gemacht haben. Großartig am Münchner Publikum ist, dass es hier so viele Leute gibt, für die Theater einen wichtigen Platz im Leben einnimmt – das ist in einigen anderen Städten in Deutschland nicht der Fall. Es sind auch viele Zuschauer dabei, die bereit sind, einen Wandel mitzugehen – an den Platz derjeniger, die nicht dazu bereit waren, kamen hingegen viele neue Zuschauer hinzu.

Warum unbedingt raus aus Deutschland?
Das war eigentlich immer so ein Traum von mir. Das begleitet mich mein ganzes Berufsleben – das ist etwas, was ich auch sehr mag, an diesem Beruf, dass man verschiedene Arten zu leben ausprobieren kann, auf der Bühne. Und ich hatte eben das Bedürfnis das auch hinter der Bühne, im echten Leben, zu tun. Geplant war, ein Jahr mal ein anderes Land kennenzulernen... Dann gefiehl es uns hier aber so gut in London und ich habe auch weiterhin in Deutschland arbeiten können, dass ich seit 5 Jahren hier bin. Die Stadt ist total inspirierend. Ich liebe es, hier zu sein.

Den persönlichen Wunsch an die Kammerspiele hat Paul Herwig mir per E-Mail zukommen lassen:
„Liebe Münchner Kammerspiele, zum 100. Geburtstag wünsche ich Dir von Herzen Glück, Gesundheit und Frieden. Es ist einzigartig mit welcher weisen und still-empathisch-umarmenden Haltung Du das aufrichtige Gelingen und Scheitern begleitest. Sowohl das der Theatermacher als auch das des Publikums. Mehr Schutz und mehr Bescheidenheit geht nicht! Danke dafür von Herzen, dein Paul.“