1933 – 1945

Otto Falckenberg –
Intendant in der NS-Zeit

Zeitgeschichte

Otto Falckenberg

Es passierte zwei Monate nach der Machtergreifung Hitlers: Am 16. März 1933 fielen ein Polizeikommissar und eine Hand voll SA-Männer durch Otto Falckenbergs Haustür ein. Mit einem Durchsuchungsbefehl gewappnet, blieb kein Kleiderschrank und keine noch so private Ecke des Hauses verschont. Falckenberg wurde tags darauf verhaftet, ohne eine Angabe von Gründen. Auf gleiche Art wurde er drei Tage später wieder freigelassen.

Einen Tag vor seiner Festnahme hatte Falckenberg Julius Gellner, gegen den Haftbefehl vorlag, zur Flucht verholfen. Auf die gleiche Weise wie bereits den damaligen Direktor Adolf Kaufmann, wurde Chefdramaturg Gellner in Falckenbergs Wagen, von seinem Chauffeur über die Österreichische Grenze gebracht. Falckenberg ging davon aus, dass der Verhaftung seine Konspiration mit den jüdischen Mitarbeitern zu Grunde lag. Als er erfuhr, dass er aus einem ganz anderen Grund denunziert wurde, war es für ihn ebenso verwunderlich wie es für einen seiner Mitarbeiter zum Verhängnis wurde:

Grund der Verhaftung war ein ominöser Brief aus Moskau – der, nach nationalsozialistischer Einstellung, Hochburg des 'Bolschewismus': Dort befand sich im Herbst 1932 Regisseur und Dramaturg Ernst Held – ein ehemaliger Mitarbeiter der Kammerspiele, der Falckenberg zum Jahreswechsel seine Glückwünsche nach München geschickt hatte. Die Sekretärin der Kammerspiele wollte diesen Brief zur Sicherheit vernichten, was sie mit Edgar Weil – zu der Zeit als dramaturgischer Volontär beschäftigt – persönlich besprach (Machtergreifung).

Dieses Gespräch kam einem Nazi-Spitzel (vermutlich: dem damaligen Portier des Hauses) zu Ohren, welcher im Anschluss Anzeige bei der Gestapo wegen 'hochverräterischer Korrespondenz mit Moskau' erstattete. Der Brief landete auf tragische Umwege bei Weils Schwiegermutter, die ihn fast vernichtete, bevor er vom Justizrat gefunden wurde und überraschenderweise ein Entlastungsdokument darstellte, welches Falckenberg endgültig von den Vorwürfen „bolschewistischer Agententätigkeit“ befreite.

Auf seine Entlassung folgte ein Verhör, in welchem Falckenberg einen Schein unterschreiben musste: „Da stand darauf, [dass] ich zwar wieder die Direktion übernehmen könnte, mich aber verpflichten müsse, weder Stücke anzunehmen noch Schauspieler zu engagieren ohne die Genehmigung der Kommission. Ich sagte, das könnte ich nicht unterschreiben. Das Theater gehöre nicht mir, sie [müssten] sich mit den Besitzern in Verbindung setzen.“

Diese Zurückhaltung und das genau durchdachte Spiel mit Vorgaben und Gesetzen des NS-Regimes spiegeln die gesamte Zeit zwischen 1933 und 1945 wieder, in welcher Falckenberg – ohne jemals der NSDAP beigetreten zu sein – mit Kalkül, aber auch mit lebensrettender Unterwerfung, die Kammerspiele stets vor einer direkten Kontrolle durch die Nationalsozialisten bewahrte. Am Ende des langen Hebels saß während der gesamten Zeit natürlich stets das Propagandaministerium. Doch am Anfang saß die ganze Zeit, zuweilen hart erkämpft und letztlich triumphierend, Otto Falckenberg.

Dass die Nationalsozialisten nur zu gerne einen Grund suchten, Falckenberg den kreativ-künstlerischen Garaus zu machen, liegt an der personellen und ästhetischen Situation der Kammerspiele vor '33, die er maßgeblich mitgestaltete. Seit 1926 künstlerischer Direktor, verantwortete er Spielpläne u.a. mit Stücken von Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, George Bernhard Shaw, Ferdinand Bruckner, Carl Zuckmeyer, Georg Kaiser.

Darüber hinaus waren die berühmtesten Schauspieler des Hauses zu der Zeit jüdischer Herkunft. Unter ihnen: Therese Giehse und Kurt Horwitz. (Therese Giehse und Machtergreifung) Ein Gutachten aus dem „Amt für Beamte/Abteilung Bildungsbeamte“, das Gauhauptstellenleiter Baumann an die Gauleitung München-Oberbayern sandte, macht ziemlich deutlich, dass Falckenberg im Visier der Münchner Nationalsozialisten war:

„[...][Falckenberg] war nicht nur der von den Juden und Marxisten Geschobene, sondern seine geistige Einstellung war die gleiche.[…] Es soll Frau Kaiser, früher am Schauspielhaus, jetzt am Gärtnerplatztheater, geäußert haben: 'Wenn sie die Äußerungen Falckenbergs über führende Persönlichkeiten weitergeben wollte, wäre Falckenberg keine Stunde mehr da'.[…] Es findet sich die Bemerkung des Gaupersonalamtsleiters Reichinger, '[dass] mit vorstehenden Angaben die Sache als abgeschlossen angesehen werden kann, da Falckenberg ein vom Führer außerordentlich geschätzter Künstler ist und durch das persönliche Eingreifen des Führers schon einige Male gedeckt wurde. Außerdem steht Falckenberg jetzt derart unter Aufsicht, dass politische Unregelmäßigkeiten so gut wie unmöglich sind.'“

Mit diesem Kommentar ist wohl Falckenbergs verwanztes Büro gemeint: Alle Kommentare, die er abends in sein Diktiergerät sprach, erschienen noch am nächsten Morgen in Berlin auf dem Tisch. Schuld dieser nazistischen Kontrolle ist die Doppelspitze Weber/Wolfrum an den Kammerspielen 1938: Aufsichtsrat Weber (ein früherer Freund Hitlers aus Anfangszeit der „Bewegung“) war nebst seinen Tätigkeiten im Stadtrat der Partei und als Präsident einiger Münchner Betriebe auch Teilhaber und Inhaber einiger Brauereien und deren Anteilen an der Neuen Münchener Kammerspiel GmbH und suchte ein Pendant zum Berliner 'Hoftheater' der Nationalsozialisten unter Goebbels und Göring, ein Theater, das die ranghöchsten Münchner Nazis zu Frivolitäten á la den von ihm ins Leben gerufenen „Amazonennächten von Nymphenburg“ verlocken sollte.

Neben Weber kam wenig später Paul Wolfrum als Geschäftsführer an die Kammerspiele. Falckenberg hatte sich 'ergeben', in dem er den Posten des Geschäftsführers an Wolfrum abtrat – mehr unter Drohungen desselben als freiwillig. Die nationalsozialistische Doppelspitze Weber/Wolfrum konnte fortan alles beschlagnahmen und zensieren, Spielverbote für Stücke aushängen und scheute auch sonst nicht davon zurück, Falckenberg persönlich zu terrorisieren.

Dass es in der gleichen Zeit auch ein Angebot für Falckenberg gab, zum Staatstheater zu wechseln, (bei welchem ihn sicher eine höhere nazistische Kontrolle erwartete), verwundert kaum. Darüber hinaus kam es sogar zu untragbaren Plänen einer Doppelintendanz an beiden Häusern. Falckenberg entschied sich letztlich dafür, an den Kammerspielen zu bleiben und die dortige, störende Personalsituation auf wortwörtlich direktem Wege über das Propagandaministerium in Berlin zu klären, wo man die Hetzerei Webers und Wolfrums als „Kesseltreiben gegen Falckenberg“ ansah. Daraufhin wurden die Kammerspiele städtisch und gingen in den Besitz der Stadt München und damit in die Hände des Oberbürgermeisters Fiehler über.

Falckenberg ist in den darauffolgenden Jahren immer wieder mit den Münchner Nationalsozialisten aneinandergeraten und konnte sich gerade deshalb die Fürsprache Hitlers nie so recht erklären. (Anekdote: Der Hitler-Gruß wurde im Theater, trotz einigen Versuchen von außen, nie eingeführt, dennoch unterschrieb Falckenberg pflichtbewusst all seine postalischen Korrespondenzen mit „Heil Hitler!“.)

Falckenberg erhielt vom „Führer“ höchstpersönlich die „Goethe-Medaille“ (ein erfundener Künstlerpreis der Nationalsozialisten) und ferner eine Zusprache für die finanzielle Unterstützung bei einem Neubau des Hauses. Die Verteidigung Falckenbergs seitens der „ranghöchsten“ Nationalsozialisten Goebbels und Hitler bleibt wohl für immer ein Mysterium. Dieser unerklärliche 'Schutz' sicherte ihm eine für die damalige Zeit überdurchschnittliche Freiheit innerhalb der dennoch großen künstlerischen Einschränkungen, wurde ihm aber nach Kriegsende zum Verhängnis:

Erste amerikanische Soldaten erreichten am 30. April 1945 den Marienplatz und läuteten damit widerstandslos die Besatzungsphase ein. Damit verbunden war die Verhaftung zahlreicher Nationalsozialisten, die in der Zeit von 1933 bis 1945 aktiv an den Menschenrechtsverletzungen teilgenommen hatten und nationalsozialistisches Gedankengut verbreiteten.

Unter den Stichworten „Entnazifizierung“, „Entnationalisierung“ und „Entmilitarisierung“ wurde akribisch und engagiert eine soziologische und ethische Umerziehung der deutschen Bevölkerung begonnen. Auch von deutscher Seite gingen Verfahren aus, die eine Einstufung der Personen zum Ziel hatten: In einem Rechenschaftsbericht von Otto Falckenberg an die von deutschen Laienrichtern initiierte Spruchkammer versucht er, die Motivation seines Verhaltens während der NS-Zeit deutlich zu machen: Von der Institution erhält er im Jahre 1947 eine Einstufung in Gruppe 5 als „Entlasteter, der vom Gesetz nicht betroffen ist.“

Die amerikanische Besatzung erkannte dieses Urteil nicht an und schlug überdies die Angebote vom Münchner Staatstheater (für eine Inszenierung in den Festwochen) und der Stadt (die Falckenberg wieder an die Kammerspiele holen wollte) ab. Falckenberg selbst war zu dieser Zeit bereits schwer erkrankt und erschöpft. Er kämpfte seit nunmehr zwei Jahren gegen bürokratische Windmühlen, nachdem er sich bereits zwölf Jahre lang in einem, wenngleich gemäßigten, Widerstand gegen nationalsozialistische Einflussnahme befand. Der Chief der 'Theatre and Music Control Section' sicherte ihm einige Tage vor seinem Tod eine Anstellung als „Gastregisseur“ der amerikanischen Zone mit Stückvertrag-Erlaubnis zu.

Otto Falckenberg starb am 25. Dezember 1947.