1971

Onanie – die Nacht in der
Kroetz berühmt wurde

Skandal

Bild der Aufführung von Oda Sternberg

Benjamin Henrichs
Es war im April 1971. An den Münchner Kammerspielen wurden die Einakter Hartnäckig und Heimarbeit uraufgeführt, unter beinahe skandalösen Umständen.

Walter Schmidinger
Der von Kipphardt entdeckte junge Autor Franz Xaver Kroetz stand mit dem Stück Heimarbeit zur Debatte. Im Vorfeld fanden Gespräche mit mehreren Schauspielern über die Hauptrolle Willy statt. Aber keiner wollte auf der Bühne onanieren. Kipphardt meinte zwar über mich: „Der kann keinen Lastwagenfahrer spielen«, aber man bot mir die Rolle an, und ich habe mir gedacht: Jetzt probiere ich das bis acht Tage vor der Premiere, und dann sage ich: „Ich mache das mit der Onaniererei doch nicht.”

Ein junger Regisseur, Horst Siede, fand eine grandiose Lösung für diese Szene: Auf der Bühne stand ein Sofa mit der Rückenlehne zum Zuschauerraum, auf das ich mich mit einem Pornoheft und einem Handtuch setzen sollte. Ich fragte Kroetz, ob nicht ein Taschentuch ausreichte, aber er bestand auf ein Handtuch. Er hatte einen guten Blick für den Realismus, dem sich auch die Regie und das Bühnenbild von Karl Kneidl in einer stilisierten Form verpflichtet fühlte.

Kroetz fragte: „Wie hältst denn du die Schaufel? Hast noch nie eine Schaufel g'halten?“ Auf der offenen Bühne waren das Wohnzimmer und ein Garten zu sehen. Als Berufsunfallinvalide musste ich in Heimarbeit Samentüten abfüllen. Das habe ich geübt wie ein Wahnsinniger. Mit einem gewissen Kniff konnte ich sie öffnen, musste dann mit dem Schwamm drüber gehen und sie zusammenkleben. Die Aufführung begann damit, dass ich Holz hackte. Ich hatte das Holz vor der Premiere nicht durchgesehen. Ein Scheit mit einem Ast flog im Salto mortale einer eleganten Dame in der zweiten Reihe in den Schoß. Ich sagte: „Bitte entschuldigen Sie!“ Das war der erste Lacher.

Schon vor der Premiere gab es irrsinnige Demonstrationen, weil das Kulturreferat der Stadt München mit allen Mitteln versucht hatte, dieses Stück zu verhindern. Nicht nur wegen der Onanie-Szene, sondern auch weil Ruth Drexel, ebenfalls auf dieser Couch sitzend, mit dem Rücken zum Publikum einen Abtreibungsversuch mit einer Stricknadel an sich vornahm. Nach diesem fehlgeschlagenen Abtreibungsversuch kommt ein Beulenkind zur Welt. Dieses Kind, das Tag und Nacht schreit, taucht ihr Mann, den ich spielte, in der Badewanne unter. Drei Kinder sollten mitspielen. Wegen dieser Kinder hat das Kulturreferat die Aufführung verboten.

Klaus Emmerich, ein damaliger Jungfilmer, schlug vor: „Filmt doch die Kinderszenen.“ Und so kam nun eine Leinwand mit den Kinderszenen herunter. Die Premiere war insofern enervierend, als schon vor Beginn der Vorstellung Stimmung gemacht wurde: „Schmidinger, die Pornosau, onaniert wie Kohlenklau“, schrie ein Chor vor der Werkstattbühne. Kurz vor der Vorstellung kamen zwei Kriminalbeamte und fragten: „Entschuldigen Sie, wollen Sie wegen der Beleidigungen eine Anzeige erstatten?“ „Nein, nein, ich will keine Anzeige erstatten.“ „Ach so, Sie betrachten das als eine Art Reklame?“

Irgendwelche Leute hatten Jauchefässer im Foyer ausgekippt, um zu verhindern, dass die Menschen hineingehen, die dann über den Hof, den Lastenaufzug in die „Werkstatt“ hinaufgeführt wurden. Es war ungeheuer turbulent, alle waren nervös, Kroetz soff sich einen an. Aber wie immer, wenn die anderen nervös sind und Angst haben, wurde ich ruhig. Ganz, ganz ruhig. Wir spielten drei, vier Szenen. Die waren noch erträglich. Plötzlich gingen die Türen links und rechts auf der Bühne und im Zuschauerraum auf.

Ich wurde angewiesen zu sagen: „Entschuldigen Sie, die Vorstellung muss unterbrochen werden, es ist ein Bombenattentat angesagt worden.“ Die Mutter von Ruth Drexel kriegte einen Schreikrampf, das Publikum kreischte. Die Polizei musste mit Suchgeräten den ganzen Zuschauerraum abgehen. Anschließend spielten wir weiter. Nach fünf Bildern kamen zwei Polizisten herein und sagten: „Verzeihung, wir haben die Samentüten noch net untersuacht.“ – „Ja bitte, meine Herren, machen Sie.“ Es war eine unbeschreibliche Premiere, die aber irgendwann zu Ende ging.

Benjamin Henrichs
Eine große Kunstleistung der Schauspieler Walter Schmidinger und Ruth Drexel brachte Kroetz am Ende den Triumph über allen Lärm. Der Autor, damals noch ganz unbekannt, erkletterte zum Schlussapplaus die Bühne und sah etwas merkwürdig dabei, aus: ein blonder, hübscher, derber Mensch, sehr sorglos gekleidet — wie einer vom Lande, wie ein Knecht wirkte er neben den Kammerspielkünstlern.

Franz Xaver Kroetz
Ich glaub, ich habe das schon damals ganz richtig eingeschätzt und mir gedacht, jetzt bist du über Nacht bekannt geworden, Gott sei Dank, dass es passiert ist.

Walter Schmidinger
Das Stück machte einen überwältigenden Eindruck auf die Münchner. Ich wurde von Theater heute für die beste schauspielerische Leistung des Jahres ausgezeichnet. Das hing sicher damit zusammen, dass zu dieser Uraufführung die gesamte Presse gekommen war. Ich habe mich irrsinnig gefreut.

Quellen
DIE ZEIT, 29.09.1978. Benjamin Henrichs
Angst vor dem Glück, 2003. Walter Schmidinger, Alexander Verlag Berlin
Playboy, 1986. Interview mit Franz Xaver Kroetz