1985

„M“ – körperlich behinderter Radtke
spielt Kind in Taboris Medeadaption

Skandal

George Taboris Adaption des Medeastoffes nach Euripides sorgt 1985 nach seiner Inszenierung M in gleich zweierlei Hinsicht für einen Skandal. Zum einen interpretiert Tabori die griechische Tragödie völlig neu, indem er Medea (Ursula Höpfner) die Täterrolle abspricht und stattdessen Jason (Arnulf Schuhmacher) zum Mörder macht. Anders als im Original haben die beiden nicht zwei Kinder, die ebenfalls im Original von Medea als Rache für Jasons Untreue getötet werden.

Bei Tabori ermordet Jason ihr einziges Kind, ein körperlich behindertes Kind, einen 'Krüppel'. Dieser wird vom Autor Peter Radtke gespielt, keinem Berufsschauspieler, sondern einem körperlich behinderten Mann, der wegen einer angeborenen Glasknochenkrankheit verwachsene Glieder hat und im Rollstuhl sitzt.

Im Dramentext wird Radtkes Krankheit ebenfalls aufgegriffen: „Meine Knochen brachen bei der Geburt klirrend wie Glas- und ich lag da, in schillernden Scherben“. In einer Szene wird Medea von ihrem Kind dazu aufgefordert, es sich anzusehen, sie antwortet, dass doch alle Menschen irgendwie behindert seien. Daraufhin reißt das Kind sich die Kleider auf, hält ihr seinen deformierten Körper entgegen und fragt „Wolltest du mit mir tauschen?“

Die Tatsache, dass ein behinderter Mann ein behindertes Kind spielt, rief jedoch, trotz vieler positiver, auch einige sehr negative Reaktionen hervor. Allgemein kritisiert wurde der Umstand, dass die Behinderung des Kindes über die theatrale Fiktion hinausgeht, die tatsächliche Behinderung Radtkes dem Zuschauer ungeschönte Realität zumutet.

Kritisiert wurde zudem, dass eine Behinderung als Metapher missbraucht, und für ein Bühnenexperiment ausgeschlachtet würde. Der Kurier vom 28.5.51985 schrieb: „Peter Radtke ist in seiner Ausgeliefertheit weit mehr als ein reifer Kinderdarsteller: die würgende Verkörperung eines Lebens voller Handicaps“. Ein unbekannter Kritiker schrieb „Theater darf viel. Das darf es nicht.“

M von George Tabori nach Euripides unter Verwendung der Medea-Übersetzung von Ernst Buschor und Teilen des Stückes Nachricht vom Grottenolm von Peter Radtke

UA am 3. Januar 1985 im Werkraum der Münchner Kammerspiele

Regie George Tabori
Dramaturgie Bernd Wilms
Bühnenbild/Kostüme Kazuko Watanabe
Darsteller Ursula Höpfner (Die Frau)
Arnulf Schumacher (Der Mann)
Peter Radtke (Das Kind)