1953 / 1954

„Kulturpolitisch aktiv“ –
Akte des Kulturamts

Presse

„Ein kulturpolitisch aktiver Faktor“
Aus den Akten des Kulturamts, 1953-1954

Bürokratische Genauigkeit ist, so sehr sie im Alltag zuweilen unsere Zeit und Nerven strapazieren mag, für Historiker ein Glücksfall. Wo alles registriert, begutachtet, verwaltet wird, werden wertvolle Quellenmaterialien für die Nachwelt produziert. Das kommt auch Theaterhistorikern zupass, die mit der 'Flüchtigkeit' ihres ästhetischen Untersuchungsgegenstandes oft genug zu kämpfen haben. Akten und Hefter, Karteien und Notizen, penibel nummeriert und eingetütet, sind da manchmal Gold wert.

Um Kenntnis über die historische Praxis der Münchner Theater- und Kulturpolitik vergangener Jahre zu erlangen, lohnt sich auch ein Besuch des Stadtarchivs München. Im Bestand Kulturamt, Akt Kammerspiele im Schauspielhaus (Signatur 792) findet sich zum Beispiel ein höchst interessanter Auszug über ein Gutachten des Deutschen Städtetages über die Rechtsform des Theaters, seine Struktur und Wirtschaftlichkeit (1953-1954), das auch die Kammerspiele ins Visier nimmt. Vorläufiges Resultat: „ein kulturpolitisch aktiver Faktor“. Daran hat sich bis heute nichts geändert, will man meinen. Für die 50er Jahre haben wir das maschinenschriftlich auf 27 Seiten, zusammen geheftet. Hier ein Auszug:

„Punkt II: Aufgabe, Trägerschaft und Leitung des Theaters „Charakter und Aufgabe der „Münchener Kammerspiele“ ergeben sich zum Teil aus der Nachfolge einer literarisch und kunsterzieherisch anspruchsvollen Privatbühne, andererseits aus der Situation eines städtischen Schauspielhauses neben einem bestehenden Staatsschauspiel. Es ist bekannt und bedarf keines ausführlichen Nachweises, daß die „Kammerspiele“ dieser Funktion in einer Weise gerecht werden, die ihnen eine führende Stellung nicht nur im Bundesgebiet, sondern im ganzen deutschsprachigen Theaterleben sichert. Der besonderen Stellung der „Kammerspiele“ entspricht die Pflege des nachklassischen und des modernen Schauspiels, des letzteren immer wieder auch durch Uraufführungen. Damit wird eine Pflicht erfüllt, die gerade dem öffentlich subventionierten Theater zufällt.

Das damit notwendig verbundene künstlerische und finanzielle Risiko wird von Verwaltung und Öffentlichkeit auch dann respektiert werden müssen, wenn es im Einzelfalle einmal negativ ausschlagen sollte. Die avantgardistische Funktion der Bühne wird durch Matinéen und sonstige literarische Veranstaltungen unterstrichen. Auch darf in diesem Zusammenhange die fruchtbare Zusammenarbeit mit der Otto-Falckenberg-Schule hervorgehoben werden. Alles dies weist die „Kammerspiele“ als einen kulturpolitisch aktiven Faktor aus und rechtfertigt die Unterstützung aus öffentlichen Mitteln nachdrücklich. [...] Erfreulich ist, daß die „Kammerspiele“ als Theater von hohem Niveau sich den sozialen Anforderungen, die an ein Stadttheater gestellt werden, nicht entziehen, was insbesondere durch die Aufführungen für Erwerbslose [S. 4], Besuchserleichterungen für Studierende und Schüler/innen, sowie durch Bereitstellung verbilligter Karten für die in den Besuchsorganisationen zusammengefaßten Theaterfreunde mit geringeren Einkommen bezeugt wird.“

Quelle
Stadtarchiv München, Bestand: Kulturamt, Signatur: [792]
Akt: Kammerspiele im Schauspielhaus.
Gutachten des Deutschen Städtetages über die Rechtsform des Theaters, Struktur und Wirtschaftlichkeit 1953-1954, hier S. 2-4.