1915

Kein Krieg in… – das stellver-
tretende Generalkommando 1915

Politik

Artikel aus Das Programm. Blätter der Münchner Kammerspiele,
Ausgabe Nr. 3 1915

Es ist eine dieser Geschichten, zu denen die passenden Namen in der Versenkung der Archive verloren gegangen sind. Als 1915 in Das Programm, der Zeitschrift der Münchner Kammerspiele, ein Artikel erscheint, der triumphierend die bewilligte Zurückstellung der männlichen Ensemblemitglieder vom Frontdienst verkündet, verweigert der Verfasser hartnäckig die Namen derer, die sich mit einer Eingabe an das stellvertretende Generalkommando in München gewandt und Erfolg hatten.

Es müssen einflussreiche Persönlichkeiten gewesen sein, die sich hier für den Fortbestand der noch jungen Kammerspiele einsetzten, was um so deutlicher wird, wenn man bedenkt, dass zur gleichen Zeit das Königlich Bayerische Hofschauspiel am Max-Joseph-Platz einen erbitterten Papierkrieg mit dem stellvertretenden Generalkommando um jeden Schreiner, Fagottisten und Tenor im Haus führt, deren Namen in hunderten Zurückstellungsanträgen, die heute in der Kriegsabteilung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs verwahrt werden, erhalten geblieben sind.

Die primäre Waffe der Opernintendanz: Die Fortführung des Betriebes während des Krieges wurde „von Allerhöchst anbefohlen“; das bayerische Königshaus selbst protegierte also sein Hoftheater und ermöglichte es der Leitung, durch die geltend gemachte Unabkömmlichkeit einen Großteil des Ensembles und der Technik durch den Krieg zu schleusen. Ähnlich dringlich konnten nur noch Ämter wie die Post, Schullehrer und mit Fortdauer des Krieges Kräfte aus der Landwirtschaft argumentieren. Eine Instanz wie das Hoftheater rettete sich also gerade noch durch den Schatten der Macht, den die Residenz warf, einem Lustspielhaus, noch dazu einem kaum vier Jahre alten Privatbetrieb aus der Maxvorstadt, standen diese illustren Mittel nicht zur Verfügung.

Dass die stellvertretende Generalkommandatur dem verschollenen Antrag und seinen anonymen Stellern dennoch stattgab und damit Schauspieler wie Erwin Kalser oder Arnold Marlé bis auf weiteres den Fronteinsatz ersparte, so dass sie in Strindbergs Gespenstersonate, einem der erfolgreichsten Stücke dieser Theatersaison, mitwirken konnten, verdeutlicht damit auch – einflussreiche Gönner hin oder her –, was für eine zentrale Position die Kammerspiele unter der Leitung Erich Ziegels so rasch nach ihrer Gründung 1911 im Kulturleben Münchens eingenommen haben müssen – selbst bei aller Skepsis für die euphorische Selbstüberhöhung des Artikelverfassers. Der bleibt übrigens ebenfalls anonym, dürfte aber wahrscheinlich Otto Falckenberg gewesen sein.