2012

„Jeder Auftritt ein Anfang“ –
Doris Schade

Portrait

Doris Schade, fotografiert von Andreas Pohlmann


Doris Schade (1924–2012) über kostbare Momente auf der Bühne 



Man lernt am Theater nie aus. Ich spielte einmal nach einer Operation, weil ich keine Kraft hatte, sehr reduziert, war darüber ganz unglücklich und entschuldigte mich beim Regieassistenten. Der hieß damals Peter Stein und sagte zu mir: „Und heute war es am allerbesten.“ Es war mir eine Lehre, dass man, wenn man mit der Kraft haushalten muss, aber an die Grenzen geht, oft viel stärker ist, als wenn man losdonnert und über die Bühne fegt. Natürlich habe ich auf der Bühne manchmal wunderbare Momente gehabt, aber so ein glückliches Gefühl, dass ich dachte: Ja, darum bin ich zum Theater gegangen, das war doch sehr selten.

Ich erlebe heute allerdings das Glück, dass ich immer noch gefragt werde, sowohl nach Unterricht wie auch nach Rollen. Ich sage zwar oft ab, besonders die Filmarbeiten traue ich mir nicht mehr zu. Es müsste schon Margarethe von Trotta sein, die Rücksicht nimmt, denn 15 oder 16 Stunden am Tag zur Verfügung zu stehen zu müssen – das kann ich nicht mehr leisten. Aber es gibt auch andere Rollen, wie jetzt im Liederabend von Franz Wittenbrink Denn alle Lust will Ewigkeit. So etwas macht viel Freude.

In der Zeitung stand über meinen Auftritt: „Das Publikum hielt den Atem an, es fühlte: Dies ist einer der kostbaren wie seltenen Momente, in dem ein einzelner Mensch die ganze Welt in sich hat und ausstrahlt – den Schmerz, das Glück, das Leben eben. Ein großer Augenblick des Theaters.“ Solche Kritik freut mich natürlich. Für mich ist ja eigentlich jede Aufführung ein neuer Anfang: Sie wird geboren mit dem ersten Wort, wenn der Vorhang aufgeht, und wenn er fällt ist sie gestorben. Beim nächsten Mal will ein anderes Publikum wieder neu erobert werden. Das ist das Leben und das ist gestorben mit dem letzten Wort.

Früher haben wir gesagt, es gibt Er-Schauspieler und Ich-Schauspieler. Und ich gehöre wahrscheinlich zu den Er-Schauspielern, also wenn ich jetzt sehe, hier ist die Rolle, und hier bin ich. Und der Ich-Schauspieler ist ganz dicht bei der Rolle, aber davor. Und der Er-Schauspieler ist ganz dicht hinter der Rolle. Ich kann es nur so beschreiben, das habe ich einmal irgendwo gelesen, und da dachte ich, ich bin wahrscheinlich eine Er-Schauspielerin.

Das ist aber mein ganzes Glück, denn ich hatte große Angst, dass ich irgendwann nichts weiter als so liebe, freundliche Damen zu spielen kriege. Das hätte mich zu Tode gelangweilt. Mich haben immer die Abgründe in allen Rollen – und wenn sie noch so unsympathisch waren – sehr interessiert. Im Alter wird das Leben schwer durchschaubar, man hat ja keine Zukunft vor sich. Wenn man etwas plant, denkt man: Oh Gott, ob du das nächstes Jahr noch kannst? Es genügt ja schon, älter zu werden, das ist richtig eine Aufgabe – aber dass man dann auch noch die Wehwehchen ertragen muss, das kann man nur mit Humor nehmen.

Quelle
Abendzeitung, 29.01.2008