2012

In meinem Wohnzimmer… –
Kameruns „München komplett“

Veranstaltung

Das Olydorf wird Teil einer Inszenierung von Schorsch Kameruns München komplett

Juni 2012 im Münchener Norden. Es ist glühend heiß im sogenannten 'Olydorf', dem Teil, in welchem die Studierenden entweder in zweistöckigen Bungalows oder in einem Appartement im Hochhaus wohnen, leben, lernen und manchmal auch feiern (und auch sonst noch andere Dinge geschehen, auf die aber im weiteren Verlauf nicht eingegangen werden soll). Auch das Dorf hat seinen Marienplatz, zwar nicht so üppig und hochfrequentiert wie in der Innen(innen)Stadt, dafür gekrönt mit gelblich ausladendem Dach, unter welchem schon so manche legendäre Party ihren Anfang, aber kein Ende fand.

Und genau hier stand eines Tages ein Wagen. Tags darauf waren es zwei Weitere mit dem Hinweisplakat der Münchner Kammerspiele: Schorsch Kamerun wird hier in unserem Dorf sein! Mit seinem Projekt will Kamerun wachrütteln, Fragen stellen, Neues wagen. Was zeichnet eine Stadt aus, wenn die Einkaufsmeilen alle gleich konzipiert sind und unter anderem bedingt dadurch manche asiatische Touristengruppe nicht mehr weiß, ob sie nun in München, Berlin, Paris oder sogar New York verweilt? Was lässt München zu München werden? Da wird das Olydorf interessant.

Dieses „Wohnzimmer“ kenne ich noch nicht so lange, da ich erst letztes Jahr und nach endlosen vier Semestern Wartezeit, einen Bungalow beziehen durfte. Aber gleich am ersten Tag wusste ich, warum es sich gelohnt hatte. Neben der Bibliothek, der Bierstube, dem Olympiapark und der ZHS um die Ecke, ist es vor allem die studentische Gemeinschaft, die diesen Ort zu einem ganz besonderen werden lässt. Es wird sich untereinander immer geholfen, sei es das mal wieder ein Küchenutensil fehlt, das Fahrrad einen Platten hat oder Liebes- und Studienkummer einem plagen: ein offenes Ohr oder eine helfende Hand ist stets nur ein paar Gassen weiter.

Der Verein selber, Studenten im Olympiadorf e.V., ist basisdemokratisch organisiert. Dies war auch einer der Besonderheiten, welche Kamerun zum Dorf in der Stadt führten. Was würde passieren, wenn genau diese bestehende politische Struktur genutzt wird? Aber nicht im Kleinen, sondern ganz ganz Großem, sprich angewandt auf die Weltgemeinschaft? Aktiv wurden die Bewohner des Olydorfes in dem künstlerischen Projekt mitintegriert. Am Rande einer kleinen Zirkusmanege wurden verschiedene politische Themen diskutiert und variiert, mit und in den drei Wägen performten die Schauspieler, wie auch Sänger.

Das Konzert wurde live übertragen; im Olydorf selber mit Hilfe der Bewohner, die ihre Radios vor die Bungalows stellten und somit wurde das gesamte Areal zu einer einzigen großen Bühne. Kunstvoll verkleidete, manchmal auch etwas sonderbar anmutenden Gestalten wanderten durch die Gassen, stellten am Ende der Wege Fernsehsender auf und verwandelten das Dorf in einen Themenparkour. Für ein paar Tage wurde nicht mit Geld gehandelt, sondern mit Fähigkeiten und Talenten. Dies war mitunter der schönste Denkanstoß: nicht Geld soll die Welt regieren, das Können steht im Mittelpunkt.

So boten Studierenden Massagen gegen beispielsweise einen Kochkurs an, die 'Dienstleistung' war mittels eines Zettels an der Tür befestigt. Das Olydorf, mein Wohnzimmer, wurde Teil eines inspirierenden und neuen künstlerischen, wie auch politischen Konzeptes. Es sind insbesondere die Erinnerungen die bleiben, die Denkanstöße, welche gerade die jungen Leute dazu animieren sollten, sich nicht in ihre Schneckenhäuser zurückzugehen, sondern offen innovative und alternative Lebenswege zu diskutieren und zu leben. Dafür gebührt Schorsch Kamerun, seinem Team und den Kammerspielen ein ganz besonderer Dank!