1924 – 1926

Immer Ärger mit Wedekind

Politik

An Frank Wedekinds Dramen erhitzten sich seit jeher die Gemüter, besonders in München. Sie waren schon vor ihren Uraufführungen gefährdet, der Zensur zum Opfer zu fallen. Es wurde viel und leidenschaftlich über den moralischen und literarischen Wert der Dramen Wedekinds und die Notwendigkeit eines Verbots gestritten. Kurioserweise entflammten diese Diskussionen immer dann besonders heftig, wenn ein Jubiläum des Dichters anstand. 1925, als die Zensur bereits abgeschafft war, hatte sich daran wenig geändert. Es sollte wieder einmal zu einem Skandal kommen.

Im Juli 1924 inszenierten die Kammerspiele anlässlich Wedekinds 60. Geburtstag Die Büchse der Pandora. Die Premierenkritiken waren im allgemeinen eher ernüchternd, wenig schmeichelhaft und unterschieden sich im Wesentlichen kaum von solchen, die zehn Jahre zuvor über Wedekinds Dramen geschrieben wurden. Der aktuellen Inszenierung wurde wenig Tiefgang vorgeworfen und an der zu realistischen Präsentation der Sexualität störte man sich immer noch.

Die Bayerische Staatszeitung urteilte: „Das Stück offenbart bei wiederholtem Sehen so viel Leere an geistigem Gehalt, durch den sich das Abstoßende eines bloßen Nervenkitzels mit Widerwärtigkeiten aus dem Hexenkessel des Dirnentums und der Perversität noch mildern ließe, dass es bei allmählichem Nachlassen seiner Wirkung nicht nur bloß ekelt, sondern sogar noch langweilt.“

Einige Mitglieder der Bayerischen Volkspartei und der Nationalen Rechten störten sich an diesem Stück so sehr, dass sie dessen Absetzung verlangten. Ausschlaggebend für diese Forderung war Die Büchse der Pandora allerdings nicht alleine. Carl Zuckmayers Der fröhliche Weinberg wurde ebenfalls als zu derb und realistisch bewertet. Der fröhliche Weinberg sorgte immer wieder für Aufregung und wurde schließlich zu einem typischen Theaterskandal der Weimarer Republik.

Regelmäßig kam es während der Vorstellungen zu, von nationalsozialistischen Gruppen angezettelten, Ausschreitungen, die ein Eingreifen der Polizei erforderten, was schließlich zu einem vorübergehenden Verbot des Stücks führte. Die Bayerische Volkspartei und die Nationale Rechte brachten einen entsprechenden Antrag in den Stadtrat ein. Wenn die Kammerspiele weiterhin die bedingungslos gestellten Subventionen von 30.000 Mark erhalten wollten, sollten sie die beiden Stücke absetzen. Außerdem forderten sie mehr Einflussmöglichkeiten und ein grundsätzliches Mitspracherecht des Stadtrates bei der Spielplangestaltung.

In ihrem Vorgehen wurden die rechten Parteien von gleichgesinnten Medien, wie dem Völkischen Kurier (22. Juli 1924), unterstützt: „Die Herren Merck und von Beltheim vermittelten uns das Dramageschenk Wedekinds, Herr Forster-Larinaga setzte es in Szene. Die Völkischen sollen sich diese Namen merken für den Tag, da der Stall des Augias gereinigt wird. Durch Gesetz muss das Wirken solcher Kräfte unterbunden werden, sofern wir selbst uns achten und so wahr wir die Menschen lieben.“

Mit ihren Forderungen scheiterten die beiden Parteien teilweise im Stadtrat. An den Bedingungen der Förderung durch Subventionen wurde nichts verändert. Die beiden Anstoß erregenden Stücke mussten allerdings vom Spielplan genommen werden. Die Entscheidung wurde mit der angeblichen Zustimmung in der Bevölkerung begründet, welche (vermeintlich) ein Absinken des Niveaus fürchte. Obwohl die Zensur offiziell abgeschafft war, wurde das Stück verboten. Während der Weimarer Republik war es gängige Praxis, unbequeme Stücke auf solch undemokratische Vorgehensweise zu verbieten.

Das Verbot der beiden Stücke in München regte auch zu Überlegungen über Sinn und Sinnlosigkeit von Subventionen an.