1973 – 1983

Hans-Reinhard Müller – „Einen
Freiraum der Arbeit schaffen“

Intendanz

Illustration von Bauer-Oltsch

Der Intendant Hans-Reinhard Müller (1922-1989)
Als Hans-Reinhard Müller 1973 Intendant der Münchner Kammerspiele wird, ist er als Nachfolger von August Everding der vierte Intendant nach 1945. Seine Theaterkarriere erfährt damit die Krönung einer dichten Laufbahn, die er zunächst als Schauspieler beginnt. Der gebürtige Münchner Müller nimmt als junger Erwachsener Schauspielunterricht bei Friedrich Kayssler – der als Künstler von der Obrigkeit des NS-Regimes derart hoch geschätzt wurde, dass man ihn auf die 'Gottbegnadeten-Liste' setzte – und debütiert 1942 in Klagenfurt in Lehárs Land des Lächelns.

Nach einem geisteswissenschaftlichen Studium in München ist er von 1948 -1960 am Bayerischen Staatsschauspiel angestellt, wo er ab 1954 auch selbst Regie führt. Schließlich überträgt man ihm sogar die Koordination der sämtlichen drei Häuser. Sein nächster Posten führt ihn bis 1969 nach Freiburg, als Intendant der Städtischen Bühne. Anschließend leitet er bis 1973 die Otto-Falckenberg-Schule, 1973 kommt er als neuer Intendant an die Münchner Kammerspiele. Sein Einstand in der Öffentlichkeit ist hier schwer, da ihn eine radikal demokratische Abstimmung am Haus, die sowohl künstlerische als auch technische sowie administrative Abteilungen mit einbezieht, zunächst als knappen Sieger darstellt – ein Bild, das die Presse zum Anlass nimmt, die Personalentscheidung zu verunglimpfen.

Doch die zehn Jahre, in denen Müller die Fäden zieht, bringen einige Erfolge hervor: Eine Taktik, die von Falckenberg übernommen und fortgeführt wird, ist die Präsentation literarisch anspruchsvoller Texte; von Autoren, die zu diesem Zeitpunkt nur geringe Bekanntheit erlangt haben, wie z.B. Else Lasker-Schülers Die Wupper (1974). In zahlreichen Stücken führt Dieter Dorn Regie und haucht z.B. der Minna von Barnhelm neue Perspektiven ein. 1983, mit Beendigung der Intendanz Müllers, erscheint eine Publikation der Münchner Kammerspiele, in der man die Arbeit des vorangegangenen Jahrzehnts Revue passieren lässt. Theater für München. Ein Arbeitsbuch der Kammerspiele 1973 bis 1983 wird von Müller, seinem Nachfolger Dieter Dorn und dem Dramaturgen Ernst Wendt gemeinsam herausgegeben.

1989 verstirbt Hans-Reinhard Müller in München. C. Bernd Sucher schreibt in seinem Nachruf: „Er wollte nicht als Regisseur, nicht als Schauspieler sich in den Vordergrund manövrieren, sondern mit Menschen, die er schätzte, seine (christliche) Vision vom Theater als moralischer Anstalt verwirklichen; wollte für Künstler einen Freiraum der Arbeit schaffen.“