1933 – 1945

Hanne Mertens –
eine widerspenstige Diva

Portrait

Hannes Mertens, Portrait von Hans Holdt

Hanne Mertens muss eine energische Intrigantin gewesen sein, wenn es um ihre Profession als Schauspielerin ging – eine wahrhaftige Diva. Anders lässt sich die Geschichte um ihren geplanten „Skandal“ an den Münchner Kammerspielen nicht erklären.

Mertens wurde 1909 in Magdeburg geboren und absolvierte in den späten 20er Jahren eine Ausbildung zur Schauspielerin an der staatlichen Schauspielschule in Berlin. Über Düsseldorf kam sie zurück nach Berlin und dann schließlich an die Münchner Kammerspiele. Dort spielte sie unter Regie von Otto Falckenberg u.a. Königin Elisabeth und Lady Milford.

Mertens, die bereits 1933 der NSDAP beigetreten war, nahm zur Premiere des bei den Nationalsozialisten berüchtigten – da: pazifistischen – Stücks Das Einhorn von den Sternen im März 1940 an einer Demonstration gegen das eigene Theater teil: Das irische Stück stieß auf heftigen Widerstand beim nationalsozialistischen Publikum und nach der Vorstellung kam es zu einer regelrechten 'Theaterschlacht'. Es flogen Fetzen und Fäuste.

Eine andere Geschichte um Hanne Mertens ist aber weitaus tragischer: Zur Premiere von Emilia Galotti am 29. Januar 1943 plante sie einen Komplott gegen die Hauptdarstellerinnen. Falckenberg hatte nämlich nicht ihr, sondern Inge Birkmann die für sie typische Rolle der Orsina in Emilia Galotti zugesprochen. Die Rolle der Emilia vergab er an seine damalige Lebensgefährtin, Annemarie Rothe.

Getrieben von Missgunst, Eifersucht und auch durchaus politischen Motiven versuchte Mertens, mit Mitgliedern der SA und der SS an ihrer Seite, die Premiere durch lautstarken Rufmord an den beiden Schauspielerinnen zu stören. Sie muss unheimlich selbstbewusst und furchtlos in ihrer Planung gewesen sein, denn Falckenberg konnte hierüber im Vorhinein informiert werden und sah sich gewissermaßen gezwungen, am Premierenabend für verstärkte Polizeipräsenz zu sorgen. Dadurch wurde ein erneuter Skandal knapp verhindert.

Hanne Mertens jedoch gefiel sich offensichtlich in der Rolle als Verschwörerin besser als in den ihr zugewiesenen Rollen und brachte daraufhin ein Gerücht über eine Protektion der Schauspielerin Rothe in Umlauf. Falckenberg verteidigte sich auf diesen Vorwurf heftigst beim damaligen Oberbürgermeister Fiehler, indem er auf die Professionalität und Beliebtheit (auch beim „Führer“) von Annemarie Rothe pochte. Seine Entscheidungen seien also eher aus künstlerischer als aus privater Motivation gefallen.

Falckenberg sah sich langsam aber sicher gezwungen, Hanne Mertens zu kündigen; er verdächtigte sie sogar, einen anonymen Drohbrief an ihn gerichtet zu haben. Mertens plante unterdessen Falckenberg zu denunzieren, indem sie seine Zusammenarbeit mit der jüdischen Schauspiellehrerin Anna Ernst-Zeise an die Gestapo verraten wollte. Dieser Versuch gipfelte in einer schnellen Gegenreaktion Falckenbergs: Um nicht nur das Leben der Lehrerin, sondern auch sein eigenes zu retten, denunzierte er Hanne Mertens.

Zur Verifizierung seiner Aussagen beauftragte er drei im Haus angestellte Schauspielerinnen, Mertens' Aussagen politischer Willkür und damit ihre politische Unzuverlässigkeit zu bezeugen. Danach schwebten sowohl Falckenberg als auch Mertens in akuter Gefahr, da sie aller Wahrscheinlichkeit nach beide bespitzelt wurden. Hanne Mertens jedoch glaubte sich aufgrund ihrer guten Beziehungen zu NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann und ihrer Popularität stets auf sicherer Seite.

Die energische Schauspielerin erlaubte sich dann gegen Kriegsende in Hamburg (wohin sie nach ihrem Eklat an den Kammerspielen wechselte) deutlich anti-nationalsozialistische Worte auf einer Privatparty. Getreu der inoffiziellen Widerstandsversion eines alten deutschen Schlagers sang sie „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei … erst geht Adolf Hitler, dann geht die Partei“.

Zwei Gäste, die Mitglied der Gestapo waren, bezeugten diese 'Parolen' und am 6. Februar 1945 wurde Hanne Mertens mitten auf der Straße verhaftet und in das Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel gebracht. Am 20. April wurde sie mit anderen überwiegend politischen Gefangenen ins KZ Neuengamme gebracht und dort in der Nacht vom 21. auf den 22. April ermordet. Gerüchten zur Folge, hat Hanne Mertens sich vor ihrer geplanten Ermordung (durch Erhängen) versteckt und wurde dann von einem SS-Mann entweder zu Tode erschlagen oder auf direktem Wege erschossen. Ein äußerst tragisches Schicksal einer Theaterdiva.

Falckenberg streitet später die Vorwürfe einer Involvierung in die grausame Ermordung von Hanne Mertens ab. Argumente, die für ihn sprechen, ist die immer wieder erwähnte zwiespältige Natur der Schauspielerin, die vieles zu ihrem Gunsten entschied und durch Überheblichkeit Opfer ihrer eigenen Ideologie wurde. Schlimmer noch: sie entwickelte sich von einer nationalsozialistisch-affinen Mitläuferin zum Opfer der Bewegung, der sie anfangs blindlings folgte.

Falckenberg hingegen hatte zu ihrer Zeit an den Kammerspielen immer an das Schauspielerische Talent von Mertens festgehalten, weshalb ihm ihr geplanter Theaterskandal, der ein ebenso schwerwiegender persönlicher Angriff gegen Falckenberg selbst gewesen ist, sehr nahe gegangen sein muss.