1949 – 1967

Fritz Kortner –
Theatergenie an den Kammerspielen

Portrait

Karikatur von Fritz Kortner

„Fritz Kortner ist der aufregendste, bohrendste, meistgehaßte und gewiß am meisten bewunderte Theater-Mensch gewesen, dem meine Generation begegnete.“
(Joachim Kaiser, SZ 12.05.1992)

Fritz Kortner inszenierte ab 1949 regelmäßig an den Münchner Kammerspielen. Als Regisseur ist er heute auch in erster Linie bekannt. Dabei begann er seine Theaterkarriere als Schauspieler. 1892 wurde Kortner in Wien geboren. Im Alter von fünfzehn Jahren „infizierte“ ihn eine Vorstellung von Schillers Räubern mit Joseph Kainz als Räuber Moor mit einer so starken Leidenschaft für das Theater, die bis zu seinem Tod anhielt. Schon in den 20er Jahren war er ein erfolgreicher Schauspieler. Seine Karriere wurde durch Hitlers Machtübernahme jäh unterbrochen. Als Jude war er alarmiert. Schon 1933 verließ er Deutschland. Zunächst ging er nach Großbritannien, später in die USA. Damals wollte er Deutschland für immer den Rücken kehren. Trotzdem war er einer der ersten, die nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrten. Aufgrund der fremden Sprache fühlte er sich in seiner Arbeit eingeschränkt.

Provokation und Bruch mit Konventionen
Nach seiner Rückkehr aus Amerika entdeckte Kortner neben der Schauspielerei die Regie. Gerade für letztere wurden die Kammerspiele eine seiner wichtigsten Wirkungsstätten. Mit seinem Inszenierungsstil prägte er zahlreiche Regisseure, in deren Karrieren die Kammerspiele ebenfalls eine wichtige Station wurden. Mit August Everding und Peter Stein seien nur zwei davon genannt. Viele von Kortners Arbeiten lösten stürmische Skandale aus, von denen auch die Kammerspiele nicht verschont blieben. Meist lagen sie in Kortners Inszenierungsstil begründet. Kern seiner Auseinandersetzung mit einem Werk war eine genaue Textanalyse. Sie diente dazu, das Wesentliche eines Werks herauszuarbeiten. Sprachliche Genauigkeit und enorme Detaildichte waren kennzeichnend. Durch akribisch genaue Arbeit war eine in kleinsten Nuancen realistische Darstellung möglich.

Dieses Konzept hatte Auswirkungen auf die Probenarbeit. Kortner stand deutlich mehr Probenzeit als üblich zur Verfügung, und auch die einzelnen Proben waren von längerer Dauer. Obwohl Kortner selten große Eingriffe in den Dramentext vornahm, präsentierte er doch stets einen neuen Blick auf alte, bekannte Klassiker. Gepaart mit politischen Subtexten, welche in die Inszenierungen einflossen, wirkte dies auf das Publikum provokativ und verstörend: Es war mit etwas Neuem, Unbekanntem konfrontiert, das mit Konventionen brach.

Portraits von Fritz Kortner

Sonderbehandlung
Seitens der Kammerspiele versuchte man für Fritz Kortner Anreize zu schaffen, um ihn zu halten. Nicht zuletzt geschah es durch eine doppelt so hohe Gage wie üblich. Trotzdem blieben Unstimmigkeiten nicht aus. Es kam vor, dass sich Kortner aufgrund unerfüllter Besetzungswünsche übergangen fühlte oder sogar vernachlässigt, weil ihm nur schwierige Stücke angeboten würden und Publikumsschlager Intendant Schweikart für sich persönlich reservierte. Dann war man schleunigst bemüht, Kortner zu besänftigen.

Schwieriger Charakter
Kortner galt stets als schwieriger Mensch. Bis heute wird er von Personen, die ihn kannten, als rechthaberisch, dickköpfig oder bösartig beschrieben. Einige Schauspieler kamen mit seiner Art nicht zurecht. Auch das Verhältnis zwischen der Belegschaft der Kammerspiele und Kortner war nicht das Beste. 1967 hatte es wohl einen Tiefpunkt erreicht. Der Personalratsvorsitzende Kurt Schöttel wandte sich im Namen der gesamten Belegschaft an Oberbürgermeister Vogel mit der Bitte, „das jahrelange schlechte Verhältnis“ zu Kortner zu klären. Sein Verhalten sei so beleidigend gewesen, dass „eine weitere Zusammenarbeit unzumutbar geworden ist“.

Auch wenn Kortner kein einfacher Mensch war, ist es unbestritten, dass er durch sein Wirken an den Kammerspielen und andernorts neue Wege beschritt und so besonders das Theater der Nachkriegszeit entscheidend mitprägte. Am besten beschrieb die Person Fritz Kortner wohl Joachim Kaiser:
„Wo er einen großen Klassiker einstudierte, da wurde aus jedem sonst so ruhig dahindümpelnden Staatstheater ein von Detonationen, von Orkanen bedrohtes Schlachtschiff.“
(SZ, 12.5.1992)