1990

Faust auf Reisen –
Die Kammerspiele in Tokyo

Inszenierung

Ausschnitt einer japanischen Zeitung mit Bericht über die Aufführung

Nach zwei Jahren Vorbereitungszeit ist es soweit, die Kammerspiele reisen nach Japan. Am 30.8.1990 soll die erste Vorstellung der renommierten Faust-Inszenierung von Regisseur Dieter Dorn im japanischen Nissay Theatre auf die Bühne gebracht werden. Stattfinden soll sie als Begleitprogramm des Goethe-Instituts Tokyo zum Kongress der Internationalen Vereinigung für germanische Sprach- und Literaturwissenschaft.

Dieses Gastspiel sei, so schreibt Dorn in seinem Grußwort im japanischen Programmheft, das „umfangreichste, schwierigste, dass unser Theater je unternahm“. Dabei war der Faust bereits in München ein Spektakel von besonderem Ausmaß. Allein der 30. April 1987, an dem das Stück Premiere hat, ist ein bedeutungsträchtiges Datum für einen Faust. Es ist Walpurgisnacht, außerdem startete der Papst an diesem Tag seine Deutschlandreise. Gewaltig ist auch die Aufführungsdauer: mehr als fünf Stunden!

Und Dorn ließ es sich auch nicht nehmen, seine Inszenierung in Zusammenarbeit mit den Bavaria Filmstudios als Spielfilm zu produzieren. Zu all diesen Superlativen und Besonderheiten dieser Inszenierung kommt nun aber der Höhepunkt, die Reise nach Tokyo nämlich. Es reisen 123 Theaterleute der Kammerspiele an, darunter allein 40 Techniker, die am Zielort von ebenso vielen japanischen Kollegen unterstützt werden, um die aufwendige Bühnenkonstruktion zu installieren. So mussten beispielsweise neue elektrische Seilzüge auf der im Vergleich zu den Kammerspielen wesentlich größeren Bühne eingebaut werden.

Transportiert wurden das Bühnenbild sowie Requisiten und Kostüme in acht großen Schiffscontainern. Das ist nicht verwunderlich, wenn allein der Pappmaché-Kopf des Erdgeistes 3,5m misst. Beachtlich ist auch, dass es praktisch nur eine einzige Ensembleprobe gab, und dass bei acht neuen Mitspielern (samt 10-jährigem Schweizer Jungen und Ersatz-Pudel). Auch bei den Hauptdarstellern gibt es Ausfälle: Romuald Pekny darf aufgrund einer Herzattacke nicht ins schwül-heiße Japan reisen, statt dessen spielt Hans-Peter Hallwachs den Mephisto und Heide von Strombeck übernimmt den Part der Oberhexe (anstelle von Maria Nicklisch).

Selbst der Faust-Schriftzug der Plakate glänzt mit Superlativen: Richard Schneider, der Chef des Goethe-Instituts, schreibt diesen nach den Regeln der Kalligraphie in einem Zug, und legt nach 1 ½ Stunden 40 Varianten vor. Den auserwählten Schriftzug kann man dann schließlich sogar auf extra bedruckten Sake-Bechern aus Holz finden. Zu der Kongressaufführung werden rund 1500 Germanisten erwartet, dazu kommen sechs öffentliche Aufführungen. Hier können die Kammerspiele mit einer Auslastung von 94% glänzen, das ist die höchste, die ein Gastspiel bisher je auf dieser Bühne erreicht hat.

Nun noch eine letzte Zahl: Das Gastspiel benötigte schließlich einen Zuschuss von 1,6 Millionen DM, getragen unter anderem von der Stadt München, dem Bund sowie durch das Nissay Theatre und dessen Sponsoren. Und, hat es sich gelohnt? Dieter Dorn dazu in der tz vom 11.9.1990: „Ich finde schon. Man kann natürlich in einem so fremden Land nie so ganz sicher sein, wie das Theater wirklich aufgenommen wurde; aber aus vielen Gesprächen habe ich durchaus das Gefühl gewonnen, dass wir sehr gut angekommen sind.“ Welch ein Spektakel!