1929 – 1930

English Players –
Ein Gastspiel aus London

Gastspiel

Erstmals nach den Wirren des ersten Weltkriegs und dem damit zusammenhängen­den Verbot, englische Schriftsteller auf deutschen Bühnen zu zeigen, kam 1929 eine englische Schauspieltruppe nach Deutschland. Das Londoner Prince-of-Wales-Theatre unternahm eine Tour durch den deutschsprachigen Raum und machte seinen Auftakt im Oktober 1929 an den Münchner Kammerspielen.

Zahlreiche Vertreter der bayrischen Staatsregierung, des Landtages und auch der Stadt München fanden sich ein, um die English Players zu sehen. Allerdings war die Stimmung etwas getrübt. Am selben Tag war Außenminister Stresemann gestorben. Stresemann galt als Kämpfer für die Annäherung zwischen den Völkern. Für sein Engagement erhielt er 1926 sogar den Friedensnobelpreis. Deshalb wurde vor der Vorstellung des verstorbenen Außenministers gedacht. Bruno Frank trat an die Rampe „um an die große Gemeinschaft der Soldaten des Friedens zu appellieren, der Stresemann ebenso angehört habe wie die englischen Schauspieler, die nun bereit sind, zum ersten Male vor einem deutschen Publikum zu spielen“ (aus: Die Andere Seite in der Ursprache).

Die englischen Schauspieler brachten ihr Mitgefühl zum Ausdruck. „Der Darsteller des Stanhope dankte mit einigen englischen Worten; auch er gedachte dabei respektvoll des toten deutschen Außenministers und der sonderbaren Fügung, dass diese Aufführung gerade am Todestag dieses Vorkämpfers der Völkerversöhnung habe stattfinden müssen.“ (aus: Die Andere Seite in der Ursprache) Diese Geste wurde den Engländern vor allem seitens der Presse als Zeichen der Versöhnung hoch angerechnet.

Der erste Weltkrieg mit seinen Folgen war noch lange nicht vergessen. Die Grausam­keiten waren in den Köpfen der Bevölkerung noch präsent. Beide Nationen, Englän­der und Deutsche, hatten im Krieg ähnliche Erfahrungen in den Schützengräben gemacht. Welches Stück konnte also besser der Annäherung dienen als The Journey's End (Deutsch: Die andere Seite) von R.C. Sherriff? Ein Stück, das die menschlichen Probleme, Grausamkeiten und Schicksale in den Schützengräben Saint-Quentin gegen Ende des I. Weltkriegs zeigt. The Journey's End beschönigt keine der beiden Kriegsparteien. Im Gegenteil: Es zeigt eher, wie absurd der Krieg war und welche gemeinsamen Erfahrungen die Nationen absurderweise im Krieg verband.

Sowohl die deutsche als auch die englische Presse bewertete das Gastspiel durchwegs positiv. Man war sich einig, dass das Gastspiel auf ganzer Linie ein Erfolg war. Die Times vom 22.10.1929 stellte sogar fest, dass das deutsche Publikum so enthusiastisch war, dass man sogar darüber nachdenke, dem Münchner Publikum regelmäßig Vorstellungen in englischer Sprache zu ermöglichen. Umgesetzt wurde dies nicht, aber immerhin kamen die English Players wieder und zeigten Bird in Hand von John Drinkwater und The Second man von Samuel N. Behrman. Auch die Rezensionen dieser beiden Stücke waren positiv. Vor allem bei The Second man, da endlich der berühmte englische Humor zur Geltung kam.

Trotz der positiven Resonanz des Gastspiels ist in den Kritiken zu spüren, dass es sich, zumindest seitens des Münchner Publikums und auch der Presse, um eine eher vorsichtige Annäherung handelte. Auf keinen Fall sollte der Gast verärgert werden. So wurden Schwierigkeiten mit den Inszenierungen kurzerhand auf die ungewohnte, etwas eigentümliche Darstellungsweise der Engländer geschoben, die dem Münchner Publikum eher fremd war. Es wird deutlich, dass nicht nur die Schauspieler Rollen spielten, sondern auch das Publikum. Es „führte seine Rolle gleichfalls gut durch und lachte und klatschte Beifall nach Gebühr“ (Bayerische Staatszeitung, 5.11.1929).

Durch dieses Gastspiel wurde an den Kammerspielen ein kleines politisches Zeichen des Aufeinanderzugehens gesetzt.