2004

Elfriede Jelinek –
Immer gegen den Strom

Portrait

Elfriede Jelinek

Immer gegen den Strom

Eigentlich sollte die Literatur-Nobelpreisträgerin, mehrfach ausgezeichnete Dramaturgin und bedeutendste Autorin der Gegenwart Elfriede Jelinek den Ruhm der Welt als musikalisches Wunderkind erlangen. Bereits mit vier Jahren erhielt die am 20.10.1946 in Mürzzuschlag/Steiermark geborene Jelinek eine umfassende Ballet- und musikalische Ausbildung. Nach eigenen Angaben wurde sie von ihrer „dämonischen“ Mutter († 2000) zu Hochleistungen „dressiert“. Später rechnet Jelinek mit ihrer Mutter in Die Klavierspielerin 1983 ab.

Alles schien für ihre Karriere als Organistin angelegt: Nach der Matura am Wiener Albertsgymnasium (1964) studierte sie am Wiener Konservatorium Klavier und Komposition sowie an der Universität Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. 1971 machte Jelinek ihr Examen als Organistin am Konservatorium. Ein Nervenzusammenbruch und der Versuch, der mütterlichen Bevormundung zu entkommen veranlasst Jelinek ins Schreiben zu flüchten. Noch während des Studiums erschien 1967 ihr erster Gedichtband Lisas Schatten.

Jelineks Romandebüt wir sind lockvögel, baby (1970) findet sofort breite Aufmerksamkeit. Der Roman handelt von der Benachteiligung von Frauen und wurde von der Fachkritik als ein literarisch-experimentelles Spiel anerkannt. Spätestens hier wird klar: Jelinek wird schreiben und den Weg zur meist kontrovers diskutierten Gegenwartsautorin einschlagen.

Unermüdliche Moralistin

Jelinek entlarvt mit messerscharfen Beobachtungen Missstände im öffentlichen, politischen und privaten Leben. Dabei benutzt sie einen sarkastischen, provokanten Stil, der von ihren Gegnern, aber auch von ihr selbst mitunter als obszön, blasphemisch, vulgär oder höhnisch beschrieben wird. Sie verschreibt sich schweren Stoffen. Die bekennende Radikalfeministin wehrt sich gegen die allgegenwärtigen männlichen Machtverhältnisse. In ihrem Bestseller Lust (1989) beschreibt sie mit drastischen Bildern sexuellen Missbrauch in der Ehe.

Jelinek traut sich an Tabuthemen heran. In Ihren Werken Burgtheater (1985), Totenauberg (1992) und Die Kinder der Toten (1995) kritisiert sie unermüdlich die Fremdenfeindlichkeit, Starrsinnigkeit und Geschichtsverdrängung der österreichischen Gesellschaft. In Rechnitz (Der Würgeengel) aus dem Jahr 2008 entblößt Jelinek die Ungeheuerlichkeit der Ermordung jüdischer Zwangsarbeiter zum Amüsement der Gäste eines Obrigkeits-Festes des Nazi-Regimes auf Schloss Rechnitz 1945. Die Täter wurden nie strafrechtlich verfolgt. Während der Ermittlungen in der Nachkriegszeit wurden Zeugen ermordet - und es herrscht bis heute eine Kultur des Verschweigens.

Wegen ihrer erbarmungslosen Art galt Jelinek in österreichischen Medien lange Zeit als „Nestbeschmutzerin“. Anlässlich der zunehmende Hetze von Seiten der rechten Boulevardpresse und rechtspopulistischen Politiker verhängte Jelinek zwei Mal Aufführungsverbot ihrer Stücke in Österreich. Während sich die österreichische Literaturszene jahrelang bemühte, die Autorin weitgehend zu ignorieren, brachte es Jelinek in der Bundesrepublik zu großem Ansehen.

Preisgekrönter Workaholic

Dies ist nur die Spitze des gewaltigen Werkes Elfriede Jelineks. Ihre Arbeit umfasst Lyrik, Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher. Die Liste ihrer Werke ist unfassbar lang, genauso beachtlich wie die ihrer Preise und Ehrungen. Hier nur eine kleine Auswahl: 'Österreichisches Staatsstipendium für Literatur' 1973, 'Drehbuchpreis des Bundesinnenministeriums der Bundesrepublik Deutschland' 1979, 'Heinrich-Böll-Preis' 1986, 'Literaturpreis des Landes Steiermark' 1987, 'Peter-Weiss-Preis' 1994, 'Dramatikerin des Jahres' 1996 und 2007 (von der Zeitschrift Theater heute vergebene Auszeichnung), 'Georg-Büchner-Preis' 1998, 'Heinrich-Heine-Preis' 2002, 'Berliner Theaterpreis' 2002, 'Lessing-Preis für Kritik' 2004, tschechischer 'Franz-Kafka-Preis' 2004, 'Theaterpreis Nestroy' und 'Stück des Jahres' von Theater heute 2009 sowie der 'Mülheimer Dramatikerpreis' 2002, 2004, 2009 und 2011.

Der Literatur-Nobelpreis

Die Schwedische Akademie der Wissenschaften würdigte mit ihrer Entscheidung am Donnerstag, den 5.10.2004, in Stockholm „den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen“ im Werk Jelineks. Mit „einzigartiger sprachlicher Leidenschaft“ lege sie „die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees“ offen.