1971

„Dra Dra“ –
Kampf zwischen Drachen und Jägern

Skandal

Im April 1971 wurde das Stück Dra-Dra des in der DDR lebenden und dort mit völligem Auftritts- und Publikationsverbot bestraften Wolf Biermann im großen Haus der Kammerspiele von Hansgünther Heyme inszeniert. Die Drachentöterparabel handelt von einem furchterregenden Drachen, der das ganze Land arm frisst und das Volk terrorisiert.

Das Programmheft gestalteten der betreuende Dramaturg Dr. Michael Hatry und der Regie-Mitarbeiter Ulrich Greiff, die planten, in der Mitte des Heftes auf einer Doppelseite 24 Fotos von westdeutschen Machthabern aus Wirtschaft, Politik und Publizistik als symbolische Drachen abzubilden. Der Chefdramaturg Heinar Kipphardt war für das Heft presserechtlich verantwortlich. In Rücksprache mit Intendant August Everding entschieden die beiden, die Fotos aus juristischen Bedenken nicht zu veröffentlichen. Da die Produktion des Programmheftes aber schon lief, blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Doppelseite leer zu drucken. Es erschien lediglich der Hinweis: „Aus rechtlichen Gründen konnten die für diese Seite vorgesehenen Bilder von Drachen aus Politik und Wirtschaft leider nicht abgedruckt werden.“

Obwohl die Fotoseiten und die darauf abgebildeten Personen ausschließlich hausintern debattiert wurden, gelangte eine Kopie an Münchens Regierenden Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, der ebenfalls zu den abgebildeten „Drachen“ zählen sollte, und an Günther Grass. In den darauffolgenden Wochen erfolgte ein Schlagabtausch in den Feuilletons der einschlägigen großen Zeitungen. Günther Grass, Heinar Kipphardt, Adolf Muschg, Martin Walser und Hellmuth Karasek waren nur einige, die ihre Meinung kundtaten.

Am Ende wurde Kipphardts Vertrag mit den Kammerspielen vom Münchner Kulturausschuss nicht verlängert, obwohl August Everding ihn gerne in seinem Haus behalten hätte. Die Drachen spielten ihre Macht aus. Der Denunziant ist bis heute nicht bekannt. Kipphardt musste unter großem Protest des Ensembles und von Kollegen die Kammerspiele verlassen.

Günter Grass: Politisches Tagebuch,
Süddeutsche Zeitung vom 30.04.1971

„Wenn Kipphardt meint, das Programmheft der Münchner Kammerspiele sei eine Spielwiese, auf der nach beliebig benannten Pappkameraden das Liquidieren geübt werden könne, wenn Kipphardt vermutet, der unerschrockene Wolf Biermann gäbe ihm mit seinem Stück „Dra-Dra“ den Freipaß, Lynchjustiz nach historischem Muster zu entfesseln, wenn Kipphardt ferner glaubt, die Freiheit der Kunst lasse sich je nach Bedarf als Alibi strapazieren, dann sei gesagt, daß er als Dramaturg ein Stückeverfälscher und als Schriftsteller ein Nachbar Ziesels geworden ist.

Wer hier noch nach intellektuellen Qualitäten sucht, gerät in den schmalen Bereich, der zwischen Josef Goebbels und Eduard von Schnitzler offen geblieben ist…. Heinar Kipphardt muß wissen, in welche Gesellschaft er gerät, sobald ihm das Aufsetzen von Abschußlisten keine Bedenken bereitet. Die in Biermanns Parabelstück verankerte Aufforderung den Drachen, wie immer er sich verkleiden mag, zu töten, ist Bühnenwirklichkeit. Das namentliche und bildkräftige Aufführen von Personen als abschußreife Drachen jedoch setzt schlimmste deutsche Tradition fort: Hetze, die zum Mord führen kann.

Zu Recht hat sich der Intendant der Kammerspiele geweigert, die schon angedruckte Liste ins Programmheft aufzunehmen. Zwei leere Seiten sprachen für sich. Kipphardts Hexenjagd wurde abgeblasen – Springers Kesseltreiben geht weiter.“

Heinar Kipphardt: Grass als Kämpfer gegen linken Terror.
Eine Erwiderung von Heinar Kipphardt,
Süddeutsche Zeitung vom 10.05.1971

„Es handelte sich um zwei Photoseiten mit 24 Köpfen aus Wirtschaft, Politik und Meinungsbildung, die der Redaktion und der am Stück arbeitenden Gruppe eine signifikante Auswahl für Kapitalherrschaft und deren Interessenvertretung in der Bundesrepublik schienen (Drachen und Drachenbrut im Sinne der Parabel des Stückes). Diese beiden Seiten standen im Zusammenhang mit einem kommentierten Aufsatz von Dr. Hatry, und zu den Photos sollte der folgende Text stehen: „Die auf dieser und noch einer Seite abgebildeten Personen sind eine denkbare Auswahl von Drachen im Sinne des Stückes. Sie sind austauschbar. Nicht die Personen, ihre Funktionen sind wichtig.“

Das ist die Hexenjagd, die Lynchjustiz nach historischem Muster, die Hetze, die zum Mord führen kann, die Grass, aus Springers Schleswig-Holstein zurückgekehrt, dringlich niederzukämpfen hatte. Jemand könnte fragen: Wenn nun diese gemeingefährliche Bekanntgabe von Kapitalmacht und deren Interessenvertretung glücklicherweise gar nicht veröffentlicht wurde, warum veröffentlichte das dann Günther Grass, und wieso hat er gekannt, was nicht erschienen ist? Auch wenn Günther Grass als ein großer Liebhaber des Theaters bekannt ist, kann seine Leidenschaft soweit gehen, daß er in seiner Freizeit Programmhefte von Aufführungen liest, die er nicht sieht?“