1993 / 2011

„Die Perser“ – Zwei
Inszenierungen: Dorn und Simons

Inszenierung

  • Gisela Stein und Axel Milberg in:
    Die Perser nach Aischylos von Mattias Braun,
    Premiere am 12. Juni 1993 im Schauspielhaus, Regie: Dieter Dorn

  • Gisela Stein, Tobias Langhoff und Fünf Männer aus der Stadt
    (Helmut Stange, Hans Drahn, Peter Herzog, Richard Beek, Helmut Pick) in:
    Die Perser nach Aischylos von Mattias Braun,
    Premiere am 12. Juni 1993 im Schauspielhaus, Regie: Dieter Dorn

  • Regisseur Dieter Dorn mit Ausstatter Jürgen Rose, Dramaturg Hans-Joachim Ruckhäberle, Regieassistent Roland Schimmelpfennig und dem Ensemble von „Die Perser“ im Zuschauerraum des Schauspielhauses
    Die Perser nach Aischylos von Mattias Braun,
    Premiere am 12. Juni 1993 im Schauspielhaus, Regie: Dieter Dorn,

  • Der Chor des persischen Volkes in:
    Die Perser von Aischylos, wiedergegeben von Durs Grünbein,
    Premiere am 5. Mai 2011 in der Bayernkaserne, Regie: Johan Simons

  • Hildegard Schmahl und der Chor des persischen Volkes in:
    Die Perser von Aischylos, wiedergegeben von Durs Grünbein,
    Premiere am 5. Mai 2011 in der Bayernkaserne, Regie: Johan Simons

  • v.l.n.r. Sylvana Krappatsch, Stefan Hunstein und Hildegard Schmahl in:
    Die Perser von Aischylos, wiedergegeben von Durs Grünbein,
    Premiere am 5. Mai 2011 in der Bayernkaserne, Regie: Johan Simons

  • v.l.n.r. Wolfgang Pregler, Adnan Mujic und Sylvana Krappatsch in:
    Die Perser von Aischylos, wiedergegeben von Durs Grünbein,
    Premiere am 5. Mai 2011 in der Bayernkaserne, Regie: Johan Simons

  • v.l.n.r. Jürgen von Salisch, Hildegard Schmahl und hinten der Chor des persischen Volkes in:
    Die Perser von Aischylos, wiedergegeben von Durs Grünbein,
    Premiere am 5. Mai 2011 in der Bayernkaserne, Regie: Johan Simons

Um Übermut im Krieg und die unermessliche Trauer um die im Krieg Verstorbenen geht es im ältesten Theaterstück der Welt: Die Perser von Aischylos, das 472 v. Chr. in Athen uraufgeführt wurde. Der Grieche Aischylos erzählt aus der Perspektive der Gegner, des persischen Königshauses, die zerschmetternde Niederlage der Perser in der Seeschlacht bei Salamis. Die persische Königin Atossa und der Chor der Ältesten erhält die Nachricht der schrecklichen Niederlage – das persiche Volk ist erschüttert vor Trauer.

Der junge König Xerxes, dessen Hybris die Niederlage verursacht hat, kehrt als einer von Wenigen in die Heimat zurück und stimmt in das Wehklagen der Zurückgebliebenen ein. Die Trauer um die Toten übertrifft den Schmerz über die kriegerische Niederlage. Zwei Intendanten der Münchner Kammerspiele hat dieser Stoff zu einer Inszenierung inspiriert: Dieter Dorn in der Spielzeit 1992/1993 und Johan Simons in der Spielzeit 2010/2011. In der Fassung von Mattias Braun inszenierte Dieter Dorn Die Perser 1993 im Schauspielhaus. Mit Schauspielern wie Gisela Stein als persische Königin Atossa und Axel Milberg als ihr Sohn Xerxes wurde in Dorns Inszenierung das Publikum zum Teil des persischen Volkes.

Die Schauspieler saßen auf Zuschauerplätzen und die Tragödie spielte sich mitten unter den Zuschauern ab. „Eine Schneise führt durch den Zuschauerraum. Hier spielt die Tragödie, mitten unter uns. Die tragischen Helden sind unsere Sitznachbarn und Zeitgenossen. Wir sind das Volk, wir sind die Perser. […] Der Krieg ist ja so böse! Und die Perser, das sind ja wir selber! Die strenge Botschaft und Mahnung aus den Münchner Kammerspielen, wir haben sie schon verstanden.“ (Benjamin Henrichs: „Im Tal des Erstaunens“. In: Die Zeit, 02.07.1993)

In Johan Simons' Die Perser setzt sich der Chor des persischen Volkes, der von Hildegard Schmahl als Chorführerin geleitet wird, aus alten Deutschen und Flüchtlingen aus dem Irak, Uganda und Bosnien zusammen. Für das Stadtraumprojekt, das am 5. Mai 2011 Premiere hatte, sind die Münchner Kammerspiele in die Bayern-Kaserne in Freimann gezogen: ein Ort, der den Krieg thematisiert und heute als Flüchtlingsunterkunft dient. Begleitend zur Inszenierung gaben Johan Simons und seine Mitarbeiter in verschiedenen Projekten Einblick in das Leben von Asylbewerbern in Deutschland: Eine Radtour über das Gelände der Bayern-Kaserne und das Dokumentartheater MEET THE NEIGHBOURS, bei dem ein Austausch mit den Asylbewerbern stattfindet, sowie die Videoinstallation SALAMIS vervollständigen das Stadtraumprojekt.

„In seinen PERSERN stellt Aischylos die Trauer um die Toten über das Triumphieren der Sieger. […] DIE PERSER, in denen die griechischen Götter Zeus und Poseidon angerufen werden, ist für mich deswegen eine große Erzählung der Hybris, weil Hybris jedermann ereilen kann. Jeder überschätzt sich selbst. Aber jeder hat auch Recht auf Schmerz. Ich versuche dies mit großem Respekt vor Aischylos zu erzählen, auch durch die Zusammensetzung des Chores mit Menschen verschiedener Nationalitäten, mit unterschiedlichsten Biographien.“ (Johan Simons Brief an das Publikum, 4. Mai 2011)

In beiden Inszenierungen bleibt die Aussage von Die Perser klar. Es ist ein Stück gegen die Blindheit der Kriegsführung und die Hybris der Herrscher. Es stellt den Schmerz über den Verlust der Männer in den Mittelpunkt. In beiden Inszenierungen wird der Stoff mit den Menschen vor Ort verbunden: bei Dorn ist es das Publikum selbst, das Teil der Inszenierung wird, bei Simons ist es der Chor der Perser, der sich aus Asylbewerbern und alten Deutschen zusammensetzt – zwei Inszenierungen also, die für Demokratie und Frieden sprechen. In der Bildergalerie zu diesem Eintrag zeigen wir Ihnen Aufnahmen beider Inszenierungen. Die Aufnahmen von 1993 sind von Oda Sternberg, die von 2011 von Andrea Huber.

Quellen
Benjamin Henrichs, Im Tal des Erstaunens. In: Die Zeit, 02.07.1993
Johan Simons, Brief an das Publikum
Beilage zum Programmheft der Premiere von Die Perser, 04.05.2011