1926

Die Manns und die MK –
Der Kampf um Münchens Kultur

Zeitgeschichte

Mag man für Berlin im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von den 'Goldenen Zwanzigern' als den Jahren einer regen Betriebsamkeit im Kulturleben sprechen, so beginnt in München zur gleichen Zeit der Kampf um ein Kulturleben im Ausverkauf zwischen braunem Sumpf und konservativer Betulichkeit.

Bis 1925 haben zahlreiche Künstler wie der Maler Paul Klee, Schriftsteller wie Lion Feuchtwanger und Ödön von Hórvath und der Dirigent Bruno Walter die bayerische Landeshauptstadt verlassen, vertrieben durch ein dumpf-reaktionäres Klima und den wachsenden Einfluss nationalisischer und antisemitischer Kreise im Rathaus. Die Theater sind aufgrund nicht aufgehobener Notstandgesetze aus Kriegszeiten der Willkür staatlich-städtischer Zensur ausgeliefert, und insbesondere die Kammerspiele werden zum bevorzugten Ziel polizeilicher Restriktionen und Hetzkampagnen in der Presse.

1926 erreicht dieses Ringen um das geistige Leben der Stadt einen Höhepunkt: Die Kammerspiele sind im September aus der zu klein gewordenen Spielstätte in der Augustenstraße ausgezogen und eröffnen mit großen Plänen für die Zukunft die Herbstspielzeit im Schauspielhaus in der Maximilianstraße. Der neue Glanz des schon zuvor durch seine progressive Spielplangestaltung in Misskredit geratenen Theaters unter der Direktion Otto Falckenbergs weckt Neid; prompt verlangen die seit kurzem im Stadtrat sitzenden Nationalsozialisten die Streichung aller Subventionen für das Haus mit seinen „literar-bolschewistischen [...] Nachtvorstellungen“ oder aber die Kontrolle über den Spielplan.

Selten zuvor ist die prekäre Lage der Theater in München als Mündel einer fortschrittsunwilligen Politik deutlicher zu Tage getreten. Am 30. November 1926 findet das Theater jedoch unverhofft zwei bedeutende Fürsprecher: Die Brüder Thomas und Heinrich Mann treten als Reaktion in der Münchner Tonhalle ans Rednerpult und sprechen über den „Kampf um München als Kulturhauptstadt“.

Thomas Mann, der sich noch stets als unpolitischer Vertreter eines mild konservativen Bildungsbürgertums verstanden wissen wollte, gilt als eigentlicher Initiator des offiziell von der Deutschdemokratischen Partei veranstalteten Abends, an dem sich Vertreter der Literatur, der bildenden Künste, der Erziehung und der Musik äußern. Seine allgemeine Bilanz des Münchner Kulturlebens fällt, kennt man den heiter-ironischen Ton der Erzählungen, beunruhigend direkt und scharf aus und gipfelt in der zynischen Feststellung „Gemüt und ,Mir san g‘sund‘ – damit allein wird München seine Stellung in der Welt nicht halten oder nicht zurückgewinnen, auch als Kunststadt nicht.“

Es ist dann Heinrich Mann, der besonders deutliche und spöttische Worte zu den Vorfällen rund um die Kammerspiele findet: „Im Stadtrat brachte unlängst irgendeine übelwollende Partei einen Antrag ein, der bestimmt war, eine der Münchner Bühnen zu schädigen, womöglich zu gefährden – warum? Weil sie mehrere, jener Partei unwillkommene Stücke gespielt hatte. Die Kammerspiele hatten wahrhaftig „Das Grabmal des unbekannten Soldaten“ und „Dantons Tod“ nicht aus Parteigeist gespielt, sondern wegen des menschlichen Gehalts, den jedes gute Kunstwerk hat.“

Mit dem Hinweis, dass vor dem Einzug der Kammerspiele das Münchner Schauspielhaus in der Maximilianstraße geschlossen werden musste, betont er auch die brisante Lage der Münchner Theater allgemein: „Wir wollen uns freuen, daß die Kammerspiele in dem größeren Haus sich jetzt entfalten können. Die Münchner Kammerspiele gewinnen bei dem Tausch, nicht sie haben aufgehört zu bestehen, obwohl dies gestern behauptet wurde – noch dazu in ihrem alten Haus in der Augustenstraße, wo gestern Abend ein Kino feierlich eröffnet worden ist [...], aber bleibt es nicht doch beschämend für eine Stadt wie München, daß von den beiden Privattheatern, die ernste Komödie pflegten, nur noch eines übrig ist?“

Schließlich seien „die Theater [...] immer ein wichtiger Teil der Anziehungskraft, die München auf Fremde ausübte“ gewesen. „Im Umkreis der Theater [...] lebten hier oftmals namhafte Nichtmünchner.“ Und er schließt mit den hoffnungsvollen Worten: „Ich wünsche, daß München wiederbekomme und bewahre sein gesundes Gefühl für den Wert und Nutzen geistigen Schaffens [...], jene wohlwollende Neutralität, auf deren Boden sich hier gut leben ließ und wieder gut wird leben lassen.“

Die Kundgebung in der Tonhalle am 30. November 1926 war ein einmalig geschlossenes und weitsichtiges Aufbegehren von Kulturschaffenden gegen die langsam heraufdämmernde Machtzunahme der Nationalsozialisten, auch wenn dadurch der Lauf der Dinge nicht mehr aufgehalten wurde. Die Kammerspiele zumindest werden sich nach weiteren Jahren der Widerspenstigkeit – 1928 noch lässt Otto Falckenberg Wedekinds Skandalstück Die Büchse der Pandora spielen, 1933 wird er kurz inhaftiert – schließlich mit den neuen Machthabern arrangieren.

Und Thomas Mann wird 1947 im Roman Doktor Faustus bittere Bilanz aus einer Zeit und einer Stadt ziehen, die gerade in ihrem und durch ihr Kulturleben vieles hätte verhindern können.