1953 / 1972

Die ganz Schlauen –
Carl Orffs Astutuli

Inszenierung

Bild aus der Aufführung Astutuli von Carl Orff

Carl Orffs Astutuli in der Uraufführung an den Kammerspielen 1953 und in der Wiederaufnahme 1972. Der Meister betritt die Bühne…

1972. Das Jahr der XX. Olympiade München. Das breitgefächerte Kulturprogramm für den Olympischen Sommer findet mit Gastspielen wie der New Yorker Negro Ensemble Company und dem Berliner Ensemble mit seinem Arturo Ui in den Kammerspielen und anderen besonderen Inszenierungen Anklang bei in- und ausländischem Publikum. Es werden verschiedenste Spektakel geboten, angefangen mit Folklore-Tänzen bis hin zu Weltausstellungen und Konzerten.

Knappe 19 Jahre zuvor probiert sich Carl Orff als Autor eines Sprechtheaterstücks. Die Uraufführung der bairischen Komödie Astutuli inszeniert, in enger Zusammenarbeit mit dem Autor, damals Hans Schweikart, langjähriger Regisseur an den Münchner Kammerspielen. Es ist ein Einakter, der über die menschliche Dummheit philosophiert und zum Lachen bringt. Das Bühnenbild dazu entwirft Helmut Jürgens. Um einen abendfüllenden Theaterabend zu erhalten, sorgt vor der Pause Heinrich von Kleists Der zerbrochene Krug für gute Unterhaltung.

„Astutuli“ ist lateinisch und bedeutet so viel wie „die Gewitzten“ oder „die ganz Schlauen“. Es erinnert an zwei sehr viel ältere Geschichten: das bekannte Märchen Des Kaisers neue Kleider sowie das Wundertheater von Miguel de Cervantes. Die Story ereignet sich vor undenklicher Zeit: Ein Gaukler kommt in eine kleine Stadt und kündigt eine Theatervorführung an. Tatsächlich jedoch handelt es sich um nichts als Wortkulisse und Betrügerei, aber da die Dorfbewohner nicht zugeben wollen, nichts zu sehen – denn wer gibt schon gerne zu, dass er dumm ist? – sehen sie die heraufbeschworenen Geschöpfe und glauben schließlich auch an das kokanische Land, das ein Leben im Luxus verspricht. Um dorthin zu gelangen, so versichert der Gaukler den gutgläubigen Bürgern, benötige man jedoch ein besonderes Gewand, das er ihnen anzufertigen verspricht. Die Bürger entledigen sich ihrer Kleider und werden bestohlen.

Verärgert über den Betrug, werden zunächst zwei Unschuldige zur Rechenschaft gezogen, die jedoch die Schuld auf das Publikum schieben. Wenig später taucht der Gaukler noch einmal auf, ein wenig verkleidet, und betrügt die Bürger noch einmal. Zurück bleiben verdutzte Bürger, die zum wiederholten Male in die Falle des Betrügers getappt sind. Und ebenso bleiben verdutzte Zuschauer zurück, die erst einmal verarbeiten müssen, was sie hier gesehen haben.

1953 ist das Publikum geteilter Meinung über dieses Stück; die einen klatschen hellauf begeistert, die anderen verlassen schnellstmöglich den Zuschauerraum. Vielleicht nicht nur aufgrund des Inhalts, denn Carl Orff, bekannt durch seine musikalischen Werke, entsagt auch in seinem Sprechtheaterdebut nicht ganz der Musik, sondern unterlegt es rhythmisch mit Trommelwirbel, Becken und Xylophon. Seine Sprache ist bayerisch-poetisch. Und trotzdem wird das Stück erstaunlicherweise auch in vielen anderen Städten Deutschlands inszeniert.

Abbildung der tz-Rose aus der tz vom 24./25.6.1972

So kommt es dazu, dass ebendiese Inszenierung 1972 auch im Rahmen des Kulturprogramms der Olympischen Spiele wiederaufgeführt werden soll und bereits frühzeitig von Intendant August Everding gesichert wird; im Laufe der Vorbereitungen stellt sich heraus, dass die Bayerische Staatsoper bereits 1971 Gustav Robert Sellner für die Inszenierung engagiert hat, welcher 1955 Astutuli erfolgreich in Darmstadt inszeniert hatte. Das Ergebnis waren die Zusammenarbeit zwischen der Bayerischen Staatsoper und den Münchner Kammerspielen sowie eine Neuinszenierung mit Aufführung im Cuvillers-Theater. Als besonderes Schmankerl gibt Carl Orff selbst, zu diesem Zeitpunkt 77-jährig, seine Bernauerin in der ersten Hälfte zum Besten, danach wird Astutuli aufgeführt. In der Presse gelobt werden besonders Carl Orffs Lese- und Schreibkunst; lange anhaltende Begeisterung verrät der lange anhaltende Applaus. Auch Romuald Pekny als „Gagler“ (zu hochdeutsch „Gaukler“) und viele weitere Schauspieler bekommen aufgrund ihrer Leistung positive Rückmeldung.

Trotzdem ist am Ende des Abends ist klar: Carl Orff mit seiner Lesung und seiner sprachlich gebauten Wortkulisse ist der eigentliche Magier des Abends … und verlässt die Bühne unter dem Beifall der Mengen…