1983 – 2001

Die Ära Dorn –
„Lebenslänglich!“

Intendanz

Dorn im Münchner Stadtanzeiger

Wer heute den Namen Dieter Dorn liest oder hört, wird an dessen letzte Münchner Jahre denken. An den Wechsel von den Kammerspielen auf die andere Seite der Maximilianstraße, an hitzige Diskussionen, Zeitungsartikel und offene Briefe vom damaligen Kammerspiel-Intendanten. Diese Ereignisse überschatten eine Zeitspanne, die nicht zu Unrecht als 'Ära Dorn' in ihrer bundesweiten Einmaligkeit in die deutsche Theatergeschichte eingegangen ist.

Begonnen hatte alles mit Hans Reinhard Müller (Intendant der Münchner Kammerspiele von 1973 bis 1983), der mit der Verpflichtung von Ernst Wendt als Chefdramaturgen und Dieter Dorn als Oberspielleiter den Kammerspielen neuen Auftrieb verschaffen wollte. Man erhoffte sich von Dorn als einem „Regisseur der jungen Generation“ (tz, 20.3.1975) ein Ende der Eintönigkeit in den Münchner Theatern: „Blutleere ist von dem phantasievollen Dorn so wenig zu befürchten wie ein Rückfall in das Polit- und Schulungstheater der sechziger Jahre“.

In einem Zeitungsinterview zu seinem Einstand als Oberspielleiter an den Kammerspielen sprach Dorn von seinen Anfängen am Theater („Trotzdem, ich bin weggegangen, voller Wut, es ging mir alles zu langsam. Ich wollte die Theater stürmen, als Schauspieler oder mit Inszenierungen. Und die ließen mich nicht.“), über seine Zeit beim Rundfunk („Wenn ich fertig war am Abend, dann fing das Theater an. Das war es, was ich eigentlich wollte.“) und über die Freuden mit einem guten Ensemble arbeiten zu können:

„Ich habe gemerkt, wie viel qualitätvolle Schauspieler geben können, wie abhängig man als Regisseur von einer guten Besetzung ist. […] Siebzig Prozent einer guten Inszenierung ist die Besetzung, ist der Schauspieler. Man kann als Regisseur viele Dinge zudecken, Schwächen verbergen. Irgendwann aber muss man in bar bezahlen auf der Szene. […] Ich glaube, man kann ein Theater wie die Kammerspiele erst betreten auf dem Höhepunkt einer Karriere. Gute Schauspieler sind schwierig, haben höchste Ansprüche, und die muss ein Theater befriedigen können.“

Mit der Inszenierung von Lessings Minna von Barnhelm begann 1976 die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft. Noch im selben Jahr wurde Dorn zum ‚Künstler des Jahres‘ gewählt. Nachdem Hans Reinhard Müller 1983 kein Interesse an einer Verlängerung seines Intendantenvertrages zeigte, folgte als einzig logische Konsequenz die „Staffelübergabe“, wie Dorn es später nannte, an den schon sehr erfolgreichen Oberspielleiter. Dessen Programm für die zunächst festgelegten fünf Jahre als Intendant: „Weitermachen, Leute!“ (MM, 11.3.1982) Doch obschon er mehr auf Kontinuität denn auf Neuanfang setzte, zeichneten sich wichtige Neuerungen in der Spielplangestaltung und der Wahl der Spielorte ab.

Die Premieren im Schauspielhaus wurden reduziert, dafür kamen mehr Premieren im Werkraum dazu. Dieser war kurz zuvor von einer Guckkastenbühne zur Raumbühne umgebaut worden. Das Ziel war ein flexibleres Theater zu schaffen, eines, das schneller reagieren könne auf Strömungen der Zeit. Ein Raum des Experimentierens sollte er werden. Auffällig auch die klare Ausrichtung auf das moderne Sprechtheater: Von den zwölf Premieren der Spielzeit 1983/84 waren allein zehn Werke von Autoren des 20. Jahrhunderts. Daneben klassische Werke von Büchner und Lessing.

Dorns klare Positionierung als Regisseur knüpfte an die alte Tradition der Kammerspiele an: Eng mit seiner Verpflichtung als Intendant der Kammerspiele verbunden war die Einstellung eines fähigen Verwaltungsdirektors, der in Absprache mit ihm selbständig alle Vertragsverhandlungen und geschäftlichen Dinge leiten und durchführen sollte. Damit zeigte er, wie wichtig ihm seine Arbeit mit den Schauspielern, wie wichtig der neue Weg war, den er begonnen hatte: Nicht ein inszenierender Intendant wollte er sein, sondern ein Regisseur, der auch das Theater leitete.

Schon bald stellten sich die ersten großen Erfolge ein: Dreimal Auszeichnung als Theater des Jahres, fünfmalige Einladung zum Berliner Theatertreffen, 1993 erhielt Dorn den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München. Die besten Schauspieler und Regisseure kamen um an einem der innovativsten Theater Deutschlands zu arbeiten. Durch seine kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Dramaturgen Hans-Joachim Ruckhäberle, seinem Nachfolger Michael Wachsmann und dem Bühnenbildner Jürgen Rose entwickelte sich ein Stil, der schon bald als spezifische 'Kammerspiel-Ästhetik' deutschlandweit bekannt werden sollte.

So sehr glaubte er an die Arbeit mit seinem Ensemble, dass Dorn im Jahre 1986 seinen Vertrag bis 1993 verlängerte. Dies kam ihm einer „Lebensentscheidung“ gleich, da er 1993 58 Jahre alt sein würde, was „lebenslänglich“ (so Dorn) Kammerspiele bedeutete. Und doch verlängerte er weitere Male: 1992 zunächst um drei Jahre bis 1996, im Jahr 1994 nochmal um fünf Jahre. Als er 2001 schließlich die Kammerspiele verließ, war er 66 Jahre alt und ein Viertel Jahrhundert an den Kammerspielen tätig gewesen.