1983 – 1996

Deutschlandträume – Alljährliche
Reden über Deutschland

Zeitgeschichte

  • Der Künstler Joseph Beuys bei einer Rede kurz vor seinem Tod, zur Sprache kommt damals auch seine Theorie, nach der prinzipiell jeder Mensch ein Künstler ist; 1985.

  • Der Schriftsteller und Theaterregisseur George Tabori inszenierte schon auf der Kammerspielbühne, diesmal steht er selbst und seine Rede im Rampenlicht; 1995.

  • Die Schriftstellerin Monika Maron mit der Rede Ich war ein antifaschistisches Kind; 1989.

  • Der Politiker Wolfgang Schäuble, in dieser Zeit Fraktionsvorsitzender im Bundestag, spricht von den Aufgaben, die sich Deutschland stellen und die zu lösen den Deutschen hilft, wieder Selbstgewissheit und Gelassenheit zu finden; 1992.

1983: Es ist Zeit zu reden, nach all diesen Ereignissen in Deutschland der letzten Jahrzehnte. Es ist Zeit, die Geschehnisse aufzuarbeiten und sich mit den Fragen zu beschäftigen: Was ist Deutschland? Wer sind die Deutschen? Wie sieht die Vergangenheit, wie die Zukunft von Deutschland aus? Mit diesen Fragen sollen sich die Reden über das eigene Land, eine von da ab alljährlich im November stattfindende Reihe, beschäftigen. In der Vorrede der ersten Veranstaltung dieser Art betont Jürgen Kolbe, damals Kulturreferent in München:

„Reden über das eigene Land – wir haben gemeint, dass dies aus zweierlei Anlass, aus zweierlei Grund not tut: Einmal haben wir es wirklich nötig, und es ist uns wirklich angemessen in diesem Land, die Dumpfheit, die Nachlässigkeit, die Normalität entschieden aufzurauhen durch das, was diskursiv, das was an Kritik, das was an Freimut formulierbar ist. Gerade jetzt, gerade in diesem Herbst. Zweitens, weil wir glauben, dass die Tugend der Rede, der freimütigen Rede, bei uns nicht entwickelt ist.“

In diesem Kontext finden also ab 1983 die Reden über das eigene Land statt, durchgeführt in Kooperation mit der Bertelsmann Verlagsgruppe und dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Auf der Theaterbühne stehen über zehn Jahre lang Geistesgrößen aus allen Sparten, seien es Politiker wie Willy Brandt oder Wolfang Schäuble, seien es Künstler wie Joseph Beuys und Schriftsteller von Martin Walser bis Günter Grass. In der Rednerliste finden sich auch Namen wie Wim Wenders, Peter Sloterdijk sowie der Theatermacher George Tabori; Wolf Biermann singt seine Rede, die Rede des inhaftierten RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock wird stellvertretend von Dieter Dorn vorgelesen. All diese Vortragenden machen die Reihe zu etwas Besonderem, Einzigartigem.

Es wird reflektiert und diskutiert, Lebensgeschichten werden erzählt und Vorschläge zu einem besseren, schöneren Deutschland gemacht. Die Reden drehen sich häufig um ein Thema: Das gespaltene Land. Für die meisten der Redner eine Situation, die sie teilweise gut heißen (z.B. Hans-Jürgen Wischnewski, der davor warnt, den Reformprozess der DDR durch „Einheitsgerede“ zu erschweren), alle aber für unveränderlich halten. Aufrüttelnd ist Walsers Beitrag 1988. Er beschreibt, wie er sich einfach nicht abfinden kann mit der Teilung des Landes in BRD und DDR. Nur kurz darauf kommt die deutsche Einigung. Und damit werden aus den Reden über das eigene Land die Reden über Deutschland.

Doch nicht nur der Titel ändert sich, erstmals werden Referenten eingeladen, die selbst keine Deutschen sind. Sie haben eine größere Distanz zu den Geschehnissen der ereignisreichen Zeit. In den folgenden Jahren wird viel über die Folgen der Einigung debattiert, aber auch andere Themen kommen zur Sprache. Grass beispielsweise betont in seiner Rede vom Verlust von 1992 mit dem Hintergrund der Anschläge auf die Asylantenheime in Rostock und die allgemeine, auch von der Politik angestiftete Fremdenfeindlichkeit, wie wichtig und unverzichtbar, was für ein Gewinn Sinti und Roma für Deutschland seien, da sie keine Grenzen kennen und so bereits ein Europa vorlebten, das erst im Entstehen sei.

Der „Sonntägliche Deutschland-Kirchgang“, wie die Reihe teilweise scherzhaft genannt wird, dauert noch bis 1996 an und prägt damit in den 13 Jahren eine ganze Publikumsgeneration und vielleicht sogar die deutsche Geschichte selbst.