1984

Der falsche Kanzler – Wie
Kohl für Furore sorgte

Anekdote

Es klingt fast wie in einem Kriminalstück, was sich im April 1984 an den Kammerspielen zu trug. Spielort: die Münchner Kammerspiele und die komplett ausverkaufen Vorstellungen von München leuchtet, einer bissigen Satire auf die Spezlwirtschaft in den Kaviar- und Sektetagen. Es spielen Dieter Hildebrandt, Hanns Christian Müller, Gerhard Polt und andere. Auf dem Schwarzmarkt werden im April 1984 Eintrittskarten für das Stück bereits für 1000 Mark verkauft. Jeder will es sehen. Auch der Kanzler? Es scheint so. Eine Anruferin meldet sich Anfang April in den Kammerspielen. Vier Karten für Bundeskanzler Helmut Kohl würden benötigt werden. Gewünschte Vorstellung: 15. April.

Doch die Kammerspiele müssen ablehnen, es gibt keine Karten mehr. Sicherheitshalber fragt man in der Stadt nach – schließlich haben Oberbürgermeister und Kulturreferent jeweils zwei Karten an dem Abend reserviert. Vielleicht könnten sie ja... Sie können. Freiwillig treten die Münchner Politiker ihre Karten an den Bundeskanzler ab. Fünf Minuten später holt jemand unbekanntes die Karten im Betriebsbüro ab. Wenig später ist aber klar: Bundeskanzler Helmut Kohl befindet sich zu dem Zeitpunkt in Österreich im Urlaub. Bleibt die Frage: Wer wird zur Vorstellung kommen? Haben wirklich miese Gauner sich die Karten erschummelt?

Die Abendzeitung berichtet am Vorabend der Aufführung unter dem Titel „München leuchtet – mit dem Kanzler-Trick Freikarten ergaunert“ und rätselt, wer am nächsten Tag in den Kammerspielen erscheinen wird. Doch das Theater um das Theater bleibt aus. „Der falsche Kanzler kneift“. Die tz berichtet unter diesem Titel am 16. April, dass niemand zur Vorstellung gekommen sei. Vielmehr habe sich eine junge Frau gemeldet – und nur eines gewollt: „Die Lawine stoppen, die sie losgetreten hatte.“ Sie gab die Karten per Post zurück. Die Sache sei ihr über den Kopf gewachsen – und sie habe nie so einen Rummel verursachen wollen.

Im Münchner Merkur stand am selben Tag, dass das Mädchen, das die „Kammerspiele verkohlte“ Angst bekommen habe, nachdem ihre drei Freunde, die auch Karten für München leuchtet hatten haben wollen, empört über ihren Kanzlertrick gewesen waren. Und so blieben die Sitze in der ersten Reihe und vierten Reihe am Abend des 15. April leer. Ob der Bundeskanzler selbst jemals in den Kammerspielen vorbeischaute, ist unklar.