1915

Der Ausländer Shaw –
Vom Wünschen und Zensieren

Politik

Die älteste erhaltene Ausgabe der Publikation Das Programm. Blätter der Münchener Kammerspiele

„Sie fragen, wann wir das angekündigte Stück von Bernard Shaw bringen werden?
Nach dem Krieg!“

(Otto Falckenberg in Das Programm, 1915)

Es ist November 1915 und es herrscht ein allgemeiner Ausnahmezustand: Die Welt befindet sich im Krieg. Trotzdem wird in den Münchner Kammerspielen weiter gespielt. Das daheimgebliebene Volk will unterhalten werden. Ja, sie fordern das Theater regelrecht ein! Aus der ältesten erhaltenen Ausgabe der Publikation Das Programm im Stadtarchiv München erfahren wir, dass die Zuschauer sogar per Post nachfragen, wann denn endlich George Bernard Shaw aufgeführt wird. Doch da gibt es ein Problem: Shaw ist ein „lebender Autor des feindlichen Auslandes“ und deswegen können die Kammerspiele seine Stücke nicht zur Aufführung bringen. Der Bühnenverein will es so.

Zum Glück ändern sich die Bedingungen bald, so dass Shaw als lebender Autor des nunmehr freundlichen Auslandes ab 1919 zum festen Repertoire gehört. Tatsächlich ist G. B. Shaw (1856-1950) mit seinen Theaterstücken, die trotz der Ernsthaftigkeit der Themen mit Leichtigkeit, Witz und Ironie geschrieben sind, international sehr beliebt. 1925 erhält er den Literatur-Nobelpreis für seinen Idealismus, seine Menschlichkeit und vor allem für die poetische Schönheit seiner Gesellschaftssatiren. Er selbst sagte über sich: „Ich bin ein Spaßmacher. Meine Methode ist: finde das Richtige zu sagen und dann sage es mit größtmöglicher Leichtfertigkeit.“ (Gertrud Mander: Shaw. Velber bei Hannover: DTV, 1969)

Sie kennen Shaw nicht? Doch, ganz bestimmt! Zugegebenermaßen gehört Shaw heute nicht mehr standardmäßig in den Theater- und Literaturkanon, doch von dem einen oder anderen Stück haben Sie sicherlich schon mal gehört. Den Nobelpreis erhielt er für sein Stück Die heilige Johanna, doch bekannter ist vermutlich seine Komödie Androklus und der Löwe. Darin hilft der entflohene Sklave Androklus einem verletzten Löwen, indem er ihm einen Dorn aus der Pranke zieht. Von da an verbindet das ungleiche Paar eine starke Freundschaft, die ihnen am Ende das Leben rettet. Kennen Sie das Musical My Fair Lady? G. B. Shaw lieferte die Textgrundlage dazu. Sein Stück Pygmalion wurde sowohl als Musical, als auch als Film adaptiert.

So schaffte er es, neben dem Nobelpreis von 1925, im Jahr 1938 auch noch mit einem Oscar ausgezeichnet zu werden. Außer ihm ist das bisher nur Al Gore gelungen. Auch die Münchner Kammerspiele waren damals von Shaw begeistert. Sie sprachen sich immer für ihn aus, auch während des ersten Weltkrieges, wie Sie der abgebildeten Ausgabe von Das Programm entnehmen können. 1919 schließlich heißt es in einem Artikel aus der gleichen Publikationsreihe: „Vor zwei Jahren ist Bernard Shaw 60 Jahre alt geworden. Bei dieser Gelegenheit hat man sich in Deutschland und Österreich – und auch an dieser Stelle – viel mehr mit Shaws politischen Ansichten beschäftigt als mit seinen Dichtungen, während doch gerade das Umgekehrte das Richtige gewesen wäre. Denn Shaw ist gewiss nur ein höchst mittelmäßiger Politiker, aber ebenso wenig lässt sich leugnen, dass er ein höchst ungewöhnlicher Dichter ist.“

Von da an wurde Shaw bis in die 40er Jahre hinein in fast jeder Spielzeit in den Kammerspielen aufgeführt:

1918 Frau Warrens Gewerbe (Gastspiel des Berliner Residenztheaters)
1919 Der Schlachtenlenker
Helden
1920 Androkulus und der Löwe
1921 Der Schlachtenlenker
1923 Man kann nie wissen
1924 Der Liebhaber
Helden
Man kann nie wissen
1925 Pygmalion (Gastspiel Steinrück – Jacobsen)
1926 Heiraten
Mensch und Übermensch
1927 Der Arzt am Scheideweg
Zinsen
1928 Pygmalion
1930 Pygmalion und
Cäsar und Cleopatra (beides Gastspiel Werner Kraus und Karin Hardt)
Candida
1931 Eltern und Kinder
Pygmalion (Gastspiel Werner Krauss und Maria Bard)
Man kann nie wissen
1934 Festgefahren
1935 Frau Warrens Gewerbe
1936 Die Millionärin
1937 Pygmalion
Heiraten
1938 Cäsar und Cleopatra
1940 Cäsar und Cleopatra
Der Arzt am Scheideweg
Die heilige Johanna
1946 Helden
1953 Frau Warrens Gewerbe (Gastspiel Hermine Körner)
Don Juan in der Hölle (aus dem Stück Mensch und Übermensch)
1957 Der Kaiser von Amerika
1965 Die heilige Johanna
1975 Der Arzt am Scheideweg

Überraschenderweise waren die Nationalsozialisten G. B. Shaw gegenüber nicht abgeneigt und das abnehmende Interesse der Kammerspiele fällt nur zufällig in die Zeit des 2. Weltkrieges. Mehr zu diesem Thema erfahren Sie in Das Ende der Shaw-Spiele.