1915 – 1941

Das Programm –
Programmhefte gestern und heute

Erscheinungsbild

  • Das Programm. Blätter der Münchner Kammerspiele: Titelblatt der ersten Ausgabe 1915 und...

  • ...das „Manifest”.

  • Der „Briefkasten“ (aus der 3. Ausgabe 1915) mit der Reaktion der Kammerspiele auf einen Leserbrief zur „Aufführung von Ausländern“...

  • ... gewinnt rasch an Umfang angesichts der Auseinandersetzung mit Bernard Shaw. 4. Ausgabe 1915.

  • Karikaturen, Kriegsgewinnler, Prostituierte – im Programm erschienenes Titelblatt der Zeitung Im Schützengraben des Kammerspiele-Mitarbeiters Paul Erkens. 4. Ausgabe 1915

  • „Friedensarbeit im Krieg“, Editorial der 3. Ausgabe 1915

  • 1919 setzt sich Catherina Godwin im Programm mit Kino und Theater auseinander. Natürlich...

  • ... ist letzteres dem Kino auf jeden Fall vorzuziehen.

  • Ein Theaterherbst. Mitteilungen im Programm zu Veranstaltungen im Haus 1927. Dabei ist auch Stanislakwskis Moskauer Künstlertheater, einer der wichtigsten Entwicklungsstätten für neue, psychologische Schauspielstile und Inszenierungsweisen der Jahrhundertwende.

  • Auszugsweise Übersetzung einer Schrift des russischen Regisseurs und Theatertheoretikers Alexander Tairoffs, der vehement für eine Emanzipation des Theaters von der Literatur eintrat. 1930

  • Einmal noch gesellschaftskritisch: Anlässlich des Erfolgs des Dramas Revolte im Erziehungsheim von Peter Martin Lampel veröffentlicht Das Programm Auszüge aus seinem Buch Jungen in Not, das mit Tatsachenberichten die Erziehungsmethoden der späten Weimarer Republik angreift. 1930.

  • Das Programm 1940 anlässlich der zuvor vorgenommenen Erhebung und Eingliederung der Kammerspiele zu den „Bühnen der Hauptstadt der Bewegung“. Rechts ein Portrait Otto Falckenbergs als Staatsschauspieldirektor.

  • Man arbeitet sich ab. Artikel zur Bearbeitung eines Stücks von Heinrich Laube in der letzten Ausgabe des Programms im Sommer 1941.

Wenn man nicht nur regelmäßig ins Theater geht, sondern auch darüber liest und seine Entwicklungen verfolgt, sind sie einem geläufig: die Zeitschriften rund um Theater und Kultur im deutschsprachigen Raum. Ein Magazin für das Theater, unabhängig von Zeitungsfeuilletons und produktionsgebundenen Programmheften, kann, denkt man sich, ein so altes Phänomen eigentlich nicht sein, aber weit gefehlt: Das Magazin des Deutschen Bühnenvereins Die Deutsche Bühne erscheint, mit kleineren Unterbrechungen, immerhin schon seit sage und schreibe 1909.

Vielleicht hatte Otto Falckenberg sogar diese Zeitschrift im Sinn, als er 1915, kaum an den Münchner Kammerspielen als Dramaturg und Spielleiter engagiert, seinerseits ein Blatt ins Leben rief, das es sich in seinem ersten Manifest zur Aufgabe machte, nicht nur „über die künstlerischen Pläne und Absichten der Theaterleitung zu unterrichten“, sondern auch „Fragen allgemeiner Art, sofern sie der Anteilnahme des Theaterfreundes sicher sein dürften“, zu erörtern.

Das Programm. Blätter der Münchner Kammerspiele war damit kein einfacher Werbeprospekt für das damalige Theater in der Augustenstraße, und war es irgendwo auch doch, wenn bereits in der zweiten Ausgabe in der Sparte für Leserbriefe und Theatermitteilungen klar gemacht wurde, dass „jeder Meinung Raum“ gegeben wird, „die nach Form und Inhalt interessant genug zur Veröffentlichung erscheint“.

Ein freies, meinungsmachendes Bühnenmagazin, das sich weder an Kunstexegeten noch kleinste Fachkreise richtet, sondern sich ganz an seine Zuschauer richtet? Das muss natürlich neugierig machen auf das dahinterstehende Haus. Der Zeitpunkt zumindest bot immense Stofffülle: Als historischer Brennpunkt sind die Jahre während des und nach dem 1. Weltkrieg auch eine Zeit des Rüttelns an althergebrachten Kunstnormen und Aufkommens avantgardistischer Strömungen, heraufziehender Medienumbrüche und Politisierung von Kunst.

Das Programm greift diese Linien auf, streut kommentierend Bonmots klassischer Autoren von Goethe bis Grabbe ein und gibt sich darüber hinaus subtil antimilitaristisch: Feldpost Münchner Theaterfreunde von der Front, der Abdruck des Titelblatts einer alles andere als heroischen Schützengrabenzeitung, die der Hausmitarbeiter Paul Erkens nach München schickt, und das Verteidigen ausländischer Dramatiker, besonders Bernard Shaws, im Spielplan wider alle empörten Gegenstimmen, die die Zersetzung der Kriegsmoral und das Verschleudern deutscher Tantiemengelder ins Feindesland beklagen, zeugen mit dem sanften Sarkasmus ihrer Darstellung vielleicht nicht gerade von revolutionärem Umsturzcharakter, wohl aber dem Anspruch, die gar nicht so selbstverständliche Verbindung zwischen dem Theater und seiner Zeit aufrecht zu erhalten und sich vom Krieg zu distanzieren.

Dieses Profil findet seine zivile Fortsetzung auch nach dem Krieg. 1919 etwa veröffentlicht Catherina Godwin, Schriftstellerin und Journalistin, im Programm eine Glosse über das junge Kino als Konkurrent des Theaters, und wenn das Blatt 1922 mit einem Nordischen Heft um den norwegischen Schriftsteller Knut Hamsun scheinbar nationalistisch-deutschtümelnden Tendenzen erliegt, wird bald darauf ebenso viel Raum freigemacht für eine Sondernummer zu Bertolt Brecht.

Es ist die gesamte Bandbreite an Dramatik, Literatur und Theaterdiskurs im München der 1920er Jahre, die das kleine A5-Heft aus im Schnitt zehn bis fünfzehn Seiten in schlichter Gestaltung und Frakturschrift enthält, und dazu gehören nationalistische Tendenzen ebenso wie sozialistische, rührende Beiträge schwärmender Zuschauer über Spaziergänge im nächtlichen Hofgarten nach einem Theaterbesuch ebenso wie scharfzüngige Artikel Intellektueller von Lion Feuchtwanger bis Julius Bab.

Die Krawallpolitik der erstarkenden NSDAP gerade in München hinterlässt dafür umso verblüffender keine Spuren. Vielleicht ist es ein Kopf-Einziehen seitens der Redaktion, vielleicht eine betont unpolitische Haltung. Spätestens mit der Gleichschaltung 1933 verliert Das Programm allerdings sein Profil als kunst- und zeitkritisches Kammerspielmagazin. Nicht nur, dass die Beiträge zeitgenössischer Intellektueller ausbleiben und ersetzt werden durch unverfängliche Klassiker-Aufgüsse und Artikel zu Gerhart Hauptmann, auch der Heftumfang reduziert sich bis 1938 auf gerade einmal vier Seiten.

Noch immer erscheint das Heft unter der Herausgeberschaft Otto Falckenbergs, der mittlerweile den Titel eines Staatsschauspieldirektors der 'Bühnen der Hauptstadt der Bewegung' trägt, aber der Enthusiasmus und das künstlerische Interesse von 1915, wie er aus dem Manifest entgegenschlägt, sind verflogen. Die letzte Ausgabe erscheint im Mai 1941, einen Monat vor dem Angriff auf die Sowjetunion. Sie enthält auf vier Seiten einige Texte zur aktuellen Inszenierung Die Karlsschüler und auf weiteren acht Fotografien vergangener Inszenierungen, viel Reklame, einen Wochenspielplan, die üblichen Abo-Tabellen.

Immerhin 26 Jahre lang hat Das Programm das Bild der Kammerspiele in der Stadt mitgeprägt. In der Konstellation aus persönlichen und künstlerischen Nachrichten des Hauses zusammen mit dem Blick auf Neues in der Theaterwelt, der Verbindung von „Theater und Publikum, Bühne und Zuschauer, Drama und Mensch“, wie es in der allerersten Ausgabe heißt, ist diese Zeitschrift bis heute einzigartig geblieben.