1976

Blasphemie! –
Eklat unter Ernst Wendt

Skandal

Der Balkon, das Schauspiel von Jean Genet führt unter der Regie von Ernst Wendt zum Eklat.
Eines der Hauptschauplätze in dem Stück ist das exquisite Bordell der Madame Irmas. Im „Haus der Illusionen“ ist alles erlaubt: Denn nicht nur die sexuellen Wünsche der Freier werden erfüllt, nein, über den Akt hinaus können Jene in eine andere Wirklichkeit fliehen. Mit unterschiedlichen Hilfsmitteln, seien es Spiegel oder Stelzen, und von den Kunden selbstgewählte Uniformen oder Kostümierungen kommen sie in den Genuss der Aura unterschiedlicher Rollenfiguren wie der des Richters, Bischofs oder Generals. Diese mit Macht, Autorität und Prestige verbundenen Berufsbilder helfen dem kleinen Angestellten, dem „kleinen Mann“, für einen Moment die eigene – scheinbar bedeutungslose – Existenz zu vergessen. Dem Polizeipräsidenten und eigentlichem Machtinhaber (als Patron des Bordells) kommt dann nach einem Volksaufstand eine eigentümliche Idee, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen: Die kostümierten Freier sollen auf dem Balkon des Hauses erscheinen und ihre jeweilige Rolle spielen.

Romuald Pekny als Polizeipräsident mit Agnes Fink in Der Balkon von Jean Genet. Regie: Ernst Wendt.

Genet wurde schon des Öfteren auch in seinem Heimatland Frankreich ob des pornographischen Inhalts seiner Werke kritisiert und hatte immer wieder mit der Zensurbehörde zu kämpfen. Und nun sollte Genets Poesie – bedingt durch die Inszenierung 1976 an den Münchner Kammerspielen – wieder vor den Staatsanwalt. In den Augen der katholischen Kirche war nicht nur der dramatische Text per se blasphemisch, sondern insbesondere einzelne Szenen der Aufführung, wie z.B. die Darstellung des Bischofs, Christus am Kreuze oder das Vaterunser, welches der Polizeipräsident für sich beten lässt.

Ermin Brießmann, Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken, schrieb in der Münchner Katholischen Kirchenzeitung, dass er sich von den „vier Stunden Bordellgeschehen“, von „nackten Brüsten und Hinterbacken“ und von der unerhörten Verhöhnung religiöser Bräuche sittlich und religiös verletzt fühlte und forderte daher die Entlassung des Kammerspiel-Intendanten Hans-Reinhard Müller. Es folgte schließlich eine Klage vor dem Landgericht München I, welche die Mitglieder des Katholikenrates gegen die Kammerspiel-Inszenierung eingereicht hatten. Wegen des Verdachts der Verletzung des Religionsfriedens kam es schließlich zu einem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft, welches später allerdings eingestellt wurde. Doch der daraus resultierende Erfolg war nicht mehr zu bremsen: Der Skandal war so groß und die mediale Aufmerksamkeit so hoch, dass das Stück 50 mal ausverkauft aufgeführt werden konnte...