1925 – 1933

Aus den Rubriken – die MK
in der Vossischen Zeitung

Presse

Die Lektüre der Rubrik Kunst, Wissenschaft, Literatur in der berühmten, überregional rezipierten Vossischen Zeitung – Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen birgt ein feuilletonistisches Sammelsurium. Die dort zusammengetragenen Kurzmeldungen aus Deutschland und Europa verweisen auf die Fugen der Alltags- und Kulturgeschichte am Rande der großen Aufmacher. Gut informiert, dicht formuliert, spießen die oft unbekannten Autoren dieser Zeilen (zu den bekanntesten des Feuilletons zählen Theodor Fontane und Paul Schlenther) kulturelle, seismographische ‚Kleinteile‘ auf oder besprechen sie milde. So lassen diese Meldungen aus heutiger Sicht Zusammenhänge begreifen, brodelnde Stimmungen und Zwiste erspüren, Korruptionen und Kollaborationen, Sticheleien und Schulterschlüsse nachvollziehen.

Die Münchner Kammerspiele sind bei weitem nicht wöchentlich Thema in diesen Rubriken, aber als bedeutende Bühne, auf die auch in jenen Jahren schon die anderen Theaterstädte, auch Berlin, schielen, sind sie „der Vossischen“ doch die ein oder andere Notiz wert. Nachfolgend seien einige zusammengetragen.

Vossische Zeitung, Nr. 422, Sonntag, 6. September 1925

„Aus den Theatern – [...] Erwin Piscator von der Volksbühne in Berlin ist von der Direktion der Münchener Kammerspiele eingeladen worden, in der Saison 1925/26 neben seinen Berliner Inszenierungen mehrere Werke in den Münchener Kammerspielen in Szene zu setzen.“

Vossische Zeitung, Nr. 204, Sonnabend, 1. Mai 1926

„Die Münchener Theatersaison. Aus München wird der „Voss. Ztg.“ gemeldet: Die Mitglieder des Münchener Schauspielhauses und Vertreter der Münchener Kammerspiele haben zu der Frage der beiden Bühnen in einer Versammlung Stellung genommen und einstimmig erklärt, daß der drohende Verlust einer ernsten modernen Bühne in einer Kunststadt wie München eine schwere künstlerische und kulturelle Schädigung bedeute, und beschlossen, an den Stadtrat das dringende Ersuchen zu stellen, die Bewilligung der Subvention davon abhängig zu machen, daß die alten Räume der Kammerspiele der Sprechbühne erhalten bleiben, zumal die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger in der Lage ist, einen seriösen Interessenten beizubringen. Bekanntlich haben sowohl das Schauspielhaus wie die Kammerspiele aus wirtschaftlichen Gründen die Zusammenlegung ihrer Bühnen angestrebt, und das Haus der Kammerspiele sollte in ein Kino umgewandelt werden.“

Vossische Zeitung, Nr. 511, Sonntag, 28. Oktober 1928

Th. Th. Heine als Theaterhelfer. Aus München wird uns berichtet: Hauptmanns „Biberpelz“, trotz seiner kleinen Altersfalten unverwüstlich, hat es gestern wieder einmal dem Publikum der Münchener Kammerspiele angetan. Selbst unsere eigenen Wehrhahne, die ein Werk sonst nur nach seiner politischen Haltung oder der Konfession des Dichters zu beurteilen pflegen, fanden einen Grund zum Einschreiten. Die Mutter Wol’fen der Therese Giehse, der Krüger Ferdinand Martinis seien besonders hervorgehoben. Diesmal hatte sogar Ruth Hellberg, die die Kammerspiele sonst über Gebühr oft herauszustellen pflegt, mit ihrer Konfirmandin Adelheid etwas wie ein Gesicht. Die Sensation aber waren Th. Th. Heines Dekorationen und Figurinen. Auf Stilisierung hatte er klugerweise verzichtet; er hatte den Mut, uns wieder naturalistisch zu kommen. Und siehe da! Man fühlte lang’ nicht erlebte Einheit und Reinheit der künstlerischen Linie und vermißte mit nichten die Purzelbäume und Ueberspitzungen, deren der Snobismus unserer Bühnenmodernisten sonst nicht [entsagen] zu können meint. Jede Gestalt aber und jedes Szenenbild trug prachtvoll die ausschöpfende Prägung des großen Menschenzeichners, so daß man einige genußreiche Stunden lang in Simplicisimusheften [sic] zu blättern die Freude hatte. R. H.

Vossische Zeitung, Nr. 338, Sonntag, 20. Juli 1930

„Moral“ in München. Aus München wird uns geschrieben: Die Kammerspiele haben erfaßt, daß in den Zeiten der Goldenbergerschen Schulmädchen-Verkleidungs-Verordnungen nichts politisch aktueller sein könnte als die alte „Moral“ von Ludwig Thoma: Und das Publikum begriff mit Vergnügen diese aktuelle Moral in der Raffinesse und Delikatesse der historisch fristgerechten Schweikartschen Neuinszenierung. Als Will Dohm, der prachtvoll moralverbiesterte Assessor, prophezeite, in dreißig Jahren noch werde man sich über die ärmellosen Kleider der kleinen Mädchen unterhalten müssen, brach der Jubel im Zuschauerraum los, der bis zum Schlusse anhielt. Zum ersten Male waren Kammerspiel- und Volkstheaterensemble aufs glücklichste verschmolzen. Seit langem hatte man nicht mehr so fein und witzig gespielt an diesem Abend. – und so ganz Zeittheater für München. W. P.“

Vossische Zeitung, Nr. 120, Donnerstag, 12. März 1931

Theater in München. Dieser Fasching soll ein „geläuterter“ sein, so ward von den höchsten Stellen der Stadt verkündet. Aber die wohlweislichen Maßnahmen aller Art, von Behörden und Geschäftsleuten in trautem Verein getroffen, haben den „alt-ehrwürdigen Volks-Brauch“ im Jahre der Not 1931 eher rationalisiert, als sublimiert; statt auf den in jeder Hinsicht zusammengedrängten Festen suche man diesmal den Fasching lieber da auf, wo er von je ein geläuterter war: im Theater. Damit ist nicht unbedingt die große Bühne gemeint; gerade in München gibt es noch eine Rehe von Vorformen, die aus einem bunt-tollenden Fasching zur geschlossenen Kunst hinüberleiten; nicht zu verwechseln etwa mit dem Dilettantismus einer schlechten Nachahmung des großen Theaters, sondern selbst ein Höchstes an Kunst in ihrem Bereich. [...] [Literarische Parodien] gehören zu München und der „bodenständigen“ Kunst, wie von je die Boheme, die „Schlawiner“, zu dieser Stadt. Voriges Jahr hieß das Song-Spiel „Die Erbrecher“, weil gerade Bruckners „Verbrecher“ der Polizeizensur verfallen waren. Diesmal hat die Polizei durch das Döblin-Verbot für den Text gesorgt: „Verboten ist heute Nacht die Ehe“: „Die Herz A.-G.“ jedoch, das neue vielleicht schon ein bißchen routinierte parodistische Spiel, galt dem Faschingsstücke der Münchner Kammerspiele: „Wie werde ich reich und glücklich“. Die Aufführung ging im Schauspielhause, von Rudolf Hock inszeniert, so flott vonstatten, daß man nicht weiter viel über Sinn und Moral nachdachte, sich vielmehr ganz dem Wettkampfe Hugo Schröders [...] und Heinz Rühmanns [...] zuwandte. Das war der große Faschings-Coup der Kammerspiele: nach langer Zeit der Abwesenheit nun beide zugleich zu haben: quecksilbrige Beweglichkeit mit einem kühlen, kaltschnäuzige Sprödigkeit mit einem fühlenden Herzen. Edith Schulze-Westrum machte zu dem denkwürdigen Zusammentreffen eine entzückende Conference. – Während man so im Schauspielhause mit den Problemen der Gegenwart ein munteres Spielchen trieb, begab man sich im Volkstheater unter Richard Revys kundiger Führung in die 70er Jahre und kleidete sich und den Innenraum der „Pension Schöller“ in ein entzückend echtes Kostüm. [...]“

Vossische Zeitung, Nr. 430, Freitag, 8. September 1933

Aus München wird uns berichtet: Die Kammerspiele im Schauspielhause, die nunmehr durch die Gründung einer neuen Gesellschaft wieder ein gesichertes finanzielles Fundament erhalten haben, eröffneten die Spielzeit mit einer Inszenierung von Shakespeares „Wie es euch gefällt“ durch Otto Falckenberg. Nicht ohne eingestandene programmatische Absicht. „Wie es euch gefällt“ war Falckenbergs berühmteste Inszenierung in den Kammerspielen der Augustenstraße gewesen, und die Wiederaufnahme bedeutete so ein Bekenntnis zum künstlerischen Leiter, zu der von ihm geschaffenen Tradition und zu einer Theaterkunst von dichterischer Beschwingtheit und Ausgeformtheit. Das große Ereignis der Aufführung war diesmal die Rosalinde der Käthe Gold – eine beispiellose beglückende Vereinigung von Mädchenzartheit und jauchzendem Liebesübermut. Ihr nahe stand der Narr Probstein des Otto Eduard Hasse in jener abgründigen Vereinigung des Entgegengesetzten, die den Schauer unendlicher Lebensfülle erweckt. Vom alten Ensemble freut man sich sehr Edith Schultze-Westrum, sowie Dohm, Schreck, Brand, Brüggemann, Ulrich Holsboer in Nebenfiguren wiederzusehen, die mit Liebe und oftmals Virtuosität durchgebildet waren. Nur Orlando war etwas eintönig geraten. Von neuen Mitgliedern des Ensembles interessierte ungewöhnlich Eberhard Reindorffs melancholie-umwitterter Jaques, dessen Bizarrerie sich nur manchmal etwas verundeutlichte; auch Fritz Reiff und Kurt Meisel könnten eine Bereicherung bilden, während andere – auch unter den Komparsen – dem Geiste der Falckenbergschen Regie noch nicht aufgeschlossen waren: diese ist eine tänzerische, musikalische und doch zugleich geistig durchleuchtende, eine schwebende spielerische, die doch dabei einen sehr festen Stand und kraftvolles Einsetzen verlangt. Sie riß in den entscheidenden Partien die Zuschauer wieder zu heller Begeisterung hin. Nicht wenig trug auch Herrmann Zilchers vom Komponisten selbst dirigierte, anmutige und dabei gehaltvolle Musik zum großen Erfolge des Abends bei. W.P.